Vom doppelten Klang eines Namens – Klang Nr.1 : die Halbinsel

Beginnen wir so:
Schützke fragt: Wer schrieb‘ s ?
Und: welche Gegend wird denn hier beschrieben?

A) Der Schriftsteller:
„Dem Gestade der See unfern liegt das Stammschloß der Freiherrlich von R..schen Familie… Die Gegend ist rauh und öde, kaum entsprießt hin und wieder ein Grashalm dem bodenlosen Triebsande, und statt des Gartens, wie er sonst das Herrenhaus zu zieren pflegt, schließt sich an die nackten Mauern nach der Landseite hin ein dürftiger Föhrenwald, dessen ewige, düstre Trauer den bunten Schmuck des Frühlings verschmäht, und in dem statt des fröhlichen Jauchzens der zu neuer Lust erwachten Vögelein nur das schaurige Gekrächze der Raben, das schwirrende Kreischen der sturmverkündenden Möwen widerhallt. Eine Viertelstunde davon ändert sich plötzlich die Natur. Wie durch einen Zauberschlag ist man in blühende Felder, üppige Äcker und Wiesen versetzt. Man erblickt das große, reiche Dorf mit dem geräumigen Wohnhause des Wirtschaftsinspektors. An der Spitze eines freundlichen Erlenbusches sind die Fundamente eines großen Schlosses sichtbar, das einer der vormaligen Besitzer aufzubauen im Sinne hatte. Die Nachfolger … ließen den Bau liegen, und auch der Freiherr Roderich von R., der wiederum seinen Wohnsitz auf dem Stammgute nahm, mochte nicht weiter bauen, da seinem finstern, menschenscheuen Wesen der Aufenthalt in dem alten, einsam liegenden Schlosse zusagte.

B) Ein Brief des Naturforscher:
„Das charakteristischste dieser Unnatur, was ich gesehen, ist diese Halbinsel, auf der wir 4 -5 Tage gelebt… Wenn Schinkel dort einige Backsteine zusammenkleben liesse, wenn ein Montagsclub, ein Cirkel von kunstliebenden Judendemoiselles und eine Akademie auf jenen mit Gestrüppe bewachsenen Sandsteppen eingerichtet würde, so fehlte nichts, um ein neues Berlin zu bilden, ja, ich würde die neue Schöpfung vorziehen, denn die Sonne habe ich herrlich auf der Halbinsel sich in das Meer tauchen sehen. Dazu spricht man dort, wie du weisst, rein Sanscrito…“

C) Der Reiseschriftsteller
„ „… Als Pfarrer Schwarz 1782 in den Ort kam, befanden sich daselbst noch 15 Feuerstellen (ungefähr eben so viele als 50 Jahre vorher.) Auch die im Jahre 1738 erbaute Kirche stand noch (Anm. M. Schü.: das Gebiet war evangelisch). Es muß eben das Verderben schnell hereingebrochen sein. Am 3. Apri l 1786 schreibt Pfarrer Schwarz an den Erzpriester Leppach:
„Ew. Hochehrwürden muß ich den verderbten Zustand der hiesigen Kirche gehorsamst hinterbringen. Die Anlage zu ihrem gegenwärtigen Untergange ist schon längst vor meiner Zeit durch die aus Abend und Norden stürmenden Winde…gemacht worden. Daher hat man sich auch damals genöthigt gesehen, die Mittagseite derselben mit Stützen zur Sicherheit und Widerstande des aus Norden und Westen andringenden Verderbens zu unterstützen. Zu meiner Zeit ist diese alte gestützte Kirche durch den immer mehr und mehr überhand genommenen Sand dergestalt angegriffen worden, daß sie zu ihrem völligen Ruin hat hinzueilen müssen. Ew. Hochehrwürden wissen, …daß sich die ganze Abendseite so weit herunter senken mußte, als ihr der Sand es erlaubte… So verloren wir doch das Licht, das von dieser Seite in die Kirche fiel… Durch die häufige, zu mancher Zeit viele Tage nach einander, anhaltende, starke Stürme aus Nordosten, (ist) die Vermehrung des Sandes so befördert worden, daß nunmehr nicht allein die Abendseite, sondern auch die Nordseite bis oben an das Dach damit angefüllt sind, wodurch uns abermal ein ganzes Licht von dieser Seite genommen ist. Und da das Glockenthürmchen, wodurch der Eingang in die Kirche geschehen muß, auf derselben nördlichen Seite sich befindet…so haben beide, sowohl das Thürmchen als auch die Thür zum Eingange in die Kirche, gleiches Schicksal gehabt. Der Sand hat sich darinnen dicht und hoch an die Eingangsthür hart gelagert. Dadurch ist uns der Eingang in die Kirche recht schwer gemacht worden. Denn wir müssen nicht allein krumm und gebückt unter dem Glockenthurm beinahe wegkriechen und uns in die Kirche hineinwinden, sondern wir stehen denn alsdann auch in empfindsamer Besorgniß, den Untergang der Kirche auf unsere Häupter zu fühlen… Es wird nun zwar alle Mühe von den Kirchspielsleuten angewandt, …den plötzlichen Einsturz nach Möglichkeit zu steuern. Aber …was heute gebessert ist, ist morgen schon unverbesserlich. Bei dieser Kirche ist alle Mühe und Arbeit umsonst und verloren…. Ihr Ende ist da. Ach daß sie nur nicht ihr Ende zu unserm Schrecken und mit unserm Schaden nehmen möchte.“
Infolge dieses Berichtes und des vom Erzpriester Leppach vom 21. April 1786 wurde der Landbaumeister Braun beauftragt, die Sicherung des noch brauchbaren Holzes von der alten Kirche zu veranstalten, auch einen schicklichen Ort zu einer neuen Kirche auszusuchen…
Schon am 3. Juni berichtet aber Leppach, daß der Pfarrer Schwarz, „der seit einem halben Jahr über eine starke Entkräftung und Engbrüstigkeit geklagt, nachdem er noch Dom. Exaudi gepredigt hat, den 31. Maji in einem Alter von 53 Jahren und nach einer beinahe vierjährigen treuen Amtsführung das zeitliche mit dem ewigen verwechselt hat.“
Er war offenbar dem scharfen Klima erlegen. Von ihm heißt es in einer privaten Aufzeichnung: „starb 1786 und ist in einem großen Sandberge begraben.“
Der Dünenwall rückte immer näher an das Dorf heran…. “ “

Die Auflösung der Frage, welche bekannten, ja teils berühmten Herren diese Worte der Nachwelt hinterlassen haben, gibt’ s im Anhang.
Wie aus dem Titel des Artikels hervorgeht, handelt es sich bei der gesuchten Gegend um eine Halbinsel und auf der spielt der Sand offenbar eine tragende und tragische Rolle. Man könnte auch sagen: Der Sand gab‘ s und der Sand hat es auch wieder genommen.
Das Gebiet hat sich in der deutschen Seele als eine Art untergegangenes Paradies, wie auch düsteres Sehnsuchtsland festgesetzt. Thomas Mann sah dort nur „Sand, Sand und Himmel“ und sprach von einer unbeschreiblichen Farbenpracht. Ein heutzutage nicht mehr so bekannter Schriftsteller namens Hansgeorg Buchholtz (1899 – 1979), beschrieb es treffend als ein „Land, da das Schweigen Sprache ist, ein Land, das wie eine Brücke durch die Fluten des Lichts sich spannt, in dem die Berge wandern, ein Land, aus dem es keine Rückkehr gibt….“
Übrigens wanderten dort nicht nur die Berge, sondern auch die Dörfer.
Und bekannte Künstler malten keineswegs auf Sand, wenn sie sich von der Szenerie und ihrem Licht inspirieren ließen, um an ihren Ufern Akte auf die Leinwand zu bringen.

Gleichzeitig ist dieser, im wahrsten Sinne des Wortes, Landstrich mehr als alles andere Synonym für den Untergang geworden:
„Weile, o Wanderer, hier und schaue die Hand der Zerstörung!                                      Wenige Jahre zuvor sah man hier blühende Gärten,
und ein friedlich Dorf mit sel’gen Wohnern und Hütten
Aber anjetzt, was siehst du? Nur bloßen Boden und Sand.

Dahinter hockt die Düne, halben Blickes,
mit Sand nur, Körner Sand sich näherdrückend,
bedrohlich näher, schweigsam sehr am Tage,
wie Tot im Licht – doch nächtens flüsterts drüber,
hinunter in die Halme.

Nun, weiße Düne, gib wohl acht
Tür und Tor ist dir aufgemacht,
In unsre Stuben wirst du gehn
Herd und Hof und Schober verwehn.
Gott vergaß uns, er ließ uns verderben.
Nur, Mütterchen, komm, uns zu begraben!
Schlage uns still ins Leichentuch,
Sieh, wir liegen und warten ganz mit Ruh –
Und die Düne kam und deckte sie zu.“

Sollten sich jetzt einige unter den Leserinnen und Lesern darüber wundern, wieso sie dieses eigenartige Gedicht nicht in der Schule gelernt haben, so können wir hier beruhigen!
Dieses Gedicht gibt es so nicht, es ist ein Zusammenschnitt der vielleicht prominentesten dichterischen Zeilen, die zu diesem Phänomen verfasst worden sind.
Zeile eins bis vier stammen von dem heutzutage mehr in Litauen geschätzten Königsberger (heute: russländisch Kaliningrad) Gelehrten und Dichter Ludwig Rhese, der seinem untergegangenen Heimatdorf Karwaiten die Zeilen „Das versunkene Dorf“ gewidmet hat. Zeile fünf bis neun schrieb der aus Tilsit (heute: russländisch Sowjetsk) stammende Johannes Bobrowski. Und den Abschluss bildeten einige Zeilen aus einer Ballade der sich, durch ihre aktiv gesuchte Nähe zum Nationalsozialismus, selbst kompromittierenden Dichterin Agnes Miegel aus Königsberg, was jedoch nichts daran ändert, dass ihre „Frauen von Nidden“ als ein wichtiger Bestandteil deutschsprachiger Dicht- und Balladenkunst gesehen wird.

Die Halbinsel, um die es hier geht, ist also die Kurische Nehrung, einst das wahrlich gottverlassene Ende deutscher, ostpreußischer Lande, dort wo gleichsam das Deutsche Reich im Meer versunken ist. Der Klang, auf den sich der Titel dieses Artikels bezieht, meint den Namen, den man in Litauen als heutigen Teil-Besitzer der Nehrung für die Halbinsel verwendet, nämlich Neringa. In Russland, das die südliche Hälfte der Nehrung sein eigen nennt, heißt das Gebilde, dem Deutschen äquivalent, kurschskaja kosa. Die Zweiteilung der Nehrung geht auf Zeiten zurück, als noch der Deutsche Ritterorden über die Halbinsel gebot. Mit der Umwandlung des Ordensstaates in ein weltliches Staatsgebilde 1525 wurde die Kurische Nehrung Teil des neu geschaffenen Herzogtums Preußen.

All das allerdings, was hier in so leuchtenden Farben von Künstlern beschrieben und gemalt worden ist, ist letztendlich Folge einer ökologischen Katastrophe und der wollen wir uns hier etwas näher widmen. Die Kurische Nehrung ist, historisch gesehen, so etwas wie das Labor für den ökologischen Untergang:

Zuerst die gute Nachricht: Angesichts des reichen Ausflusses, den das spätere Erscheinungsbild der Nehrung in Kunst und Tourismus genommen hat, gibt es die schwache Hoffnung, dass uns eventuell nachfolgende Generationen aus der Welt, die wir ihnen hinterlassen, einen gewissen ästhetischen Gewinn ziehen können…

Die Kurische Nehrung entstand mit dem Abschmelzen der letzten Gletscher, die vor der Küste eine Reihe Moränen hinterlassen haben, deren Spitzen als Inseln aus dem Wasser ragten. Das Wasser des Haffs, das aus der Mündung des Flusses Memel (heute: litauisch Nemunas) gespeist wird, konnte sich zwischen den Inseln ins Meer ergießen. Durch die Meeresströmung sowie die vorherrschenden Winde wurde von der im Süden anschließenden Küste Samlands Sand herangetragen, der an den Möränen hängenblieb und sie langsam miteinander verband. Dieser Prozess ließ die Halbinsel vom Süden her erstehen und dauert immer noch an. Nach nur 5000 Jahren hatte die Natur auf diese Weise die Nehrung erbaut, allerdings blieben zunächst noch Durchbrüche zwischen Meer und Haff erhalten. Als die Kurische Nehrung vor etwa 5000 Jahren besiedelt wurde, waren diese Durchbrüche noch nicht verschwunden, sondern bildeten sogar noch bis in die Neuzeit Gefahrenstellen, da sich bei schweren Stürmen dort Meer- und Haffwasser miteinander verbinden konnten.
Diese Sandzunge, die heute fast 100 Kilometer lang ist, wurde zunehmend von Pflanzen besiedelt, die sich optimal an die ungastlichen Verhältnisse anpassten. Z. B. siebt eine Art den heran fliegenden Sand aus und siedelt ihn so fein um sich an, dass daraus für die Pflanze ein feuchtes Mikroklima entsteht. Andere Gewächse wiederum lernten sich tief zu verwurzeln, damit sie an die notwendigen Nährstoffe heranreichten. Mit der Zeit wurde der Boden so gefestigt, dass auch Bäume Wurzeln schlagen konnten und die Nehrung mit dichtem Wald überzogen wurde.
Als Ergebnis dieser Entwicklung könnte man in Abwandlung eines alten Schlagers (über den Wilden Westen) sagen:
Schön war sie, die Nehrung,
alles war, wunderbar,
da kam an, weißer Mann….
Im Schlager folgt jetzt die Errichtung einer Eisenbahn, im Falle der Nehrung waren es dagegen oft Schiffe, für deren Bau man das Holz der Nehrung brauchen konnte.

Die Rolle des weißen Mannes spielte hier so quasi der Deutsche Ritterorden, der um die Mitte des 13. Jahrhunderts erstmals Zugriff auf die Nehrung bekam und sie als strategisch wichtigen Landteil erkannte. Dieser Zugriff erfolgte im Rahmen einer „äußerst erfolgreichen“ Christianisierungskampagne des Samlands, die der dabei federführende böhmische König Ottokar II. mit den Worten ankündigte: „Um das Heil Eurer Seelen zu gewinnen, sind wir entschlossen, im künftigen Winter nach Eurem Lande zu kommen und für Euer Heil zu sorgen.“
Wer hinter diesen Worten eine klar ausgesprochene Drohung vermutete, lag durchaus richtig. Diejenigen Einwohner des Samlandes, die sich nicht taufen ließen, wurden kommentarlos niedergemetzelt. Diese Taktik war so nutzbringend, dass sich schließlich die Täuflinge in Scharen „freiwillig“ an den Taufbecken anstellten.
Zu guter Letzt stiftete dort der mit seinem Werk hochzufriedene Böhmenkönig in der Nähe der Mündung des Flusses Pregel ins Frische Haff eine Burg, die schließlich ihm zu Ehren Königsberg genannt wurde.
Die Nehrung stellte für den Orden die ideale Verbindung zur Burg Memel (heute: litauisch Klaipeda) und dem livländischen Ritterorden, bzw. Riga dar. Dementsprechend wurde das Gelände militärisch gesichert, das heißt, Burgen errichtet. Der Bau erfolgte meistens zunächst aus Holz. Burg Neuhaus bewachte den Eingang zur Nehrung, eine weitere wurde Richtung Norden vorgeschoben angesiedelt und bildete die Keimzelle von Rossitten (heute: russländisch Rybačij). Auf Überreste dieser Burg bezieht sich der Schriftsteller im oben wiedergegebenen Zitat A.
Im Winter zogen die Ordensritter von der Rossittener Burg aus, quer über das zugefrorene Haff, zu der im Memeldelta gelegenen, in das Haff hineinragenden Landzunge, die auch mit einer Burg gesichert wurde (Windenburg, heute: litauisch Vente), und von der aus man hervorragend nach Litauen einfallen konnte. Ihre erste schriftliche Erwähnung findet die Nehrung daher auch als Kriegsweg.

Es war wohl so, dass für den Burgenbau erstmals von der Nehrung in größerem Ausmaß Holz entnommen wurde, das nicht direkt zum Überleben der wenigen angestammtem Nehrungsbewohner notwendig war. Diese Nehrungsbewohner waren hauptsächlich Fischer, nur an wenigen Stellen der Nehrung war Ackerbau möglich. Handwerker gab es kaum. Die Lebensverhältnisse waren karg und ärmlich.
Die Schlägerung der Bäume auf der Halbinsel hielt sich in der Ordenszeit allerdings noch so weit in Grenzen, dass man für das 15. Jahrhundert von einem fast vollständig erhaltenen Waldgürtel der Nehrung ausgeht. Gleichzeitig brachte die Kolonisierungs- und Entwicklungstätigkeit des Ordens und seines Nachfolgestaates im sog. Memelgebiet, d.h. auf der Festlandseite des Haffs, als auch auf der Nehrung mit sich, dass der Ressourcenverbrauch der Gegend stetig im Ansteigen begriffen war. Dabei verwendete man auch das Holz der Nehrung.
Erste große Kahlschläge auf der Kurischen Nehrung lassen sich im 16. Jahrhundert nachweisen und im Laufe der Zeit dürften der Landesobrigkeit bezüglich der Abholzung durchaus Bedenken gekommen sein, da man z. B. von einem Vertrag aus Windenburg weiß, der eine Nutzung der Wälder der Nehrung verboten hat. Durchgesetzt wurden solche Verbote nie und dementsprechend hat sich auch niemand daran gehalten. Das Abholzen ging munter weiter.
Hier setzt offenbar das ein, was Harald Welzer in seinem lesenswerten Buch Selbst Denken ( S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2013) beschreibt: „Einsicht dringt meist nicht bis zum Verhalten vor, weil das Verhalten nicht auf Einsicht beruht.“ Der Mensch könne das Unbehagen, das mitunter entsteht, wenn man Dinge tut, die eigentlich falsch sind, ausgesprochen leicht bewältigen. Man habe nicht das geringste Problem, die eklatantesten Widersprüche mühelos zu integrieren. Außerdem passe man sich mental an die verändernden Umweltbedingungen an.
Wenn sich aber die Lebensbedingungen sehr langsam zum Negativen verändern, „kann sich diese Geschmeidigkeit als ein erheblicher Nachteil erweisen“, konstatiert Welzer in Selbst Denken.

Das ist die Geschichte mit dem Frosch, den man in kaltes Wasser setzt, das man dann langsam aber sicher zum Kochen bringt. Der Frosch merkt es nicht, bleibt im Wasser sitzen und verendet. Hätte man ihn in bereits kochendes Wasser hineingeworfen, wäre er sofort wieder hinausgesprungen. Durch das konsequente Fällen der Bäume erodierte der Boden und es kam zur langsamen Ver-wüstung der Insel. Der Sand wurde wieder freigelegt und vom Wind vor sich hergetrieben. Die Bäume die noch nicht gefällt waren, wurden durch den Flugsand abgerieben, glatt geschliffen und standen schließlich wie Streichhölzer verloren in der Gegend. Starke Winde türmten riesige Sandberge auf, die langsam über die Insel zu wandern begannen. Die Dörfer der Nehrung lagen auf den Wegen dieser Wanderdünen….

Man kann die Vorgänge auf der Nehrung und ihre Wahrnehmung durch Staat und Gesellschaft auch als Verdrängung beschreiben:
Ausländische Mächte haben sich ebenfalls im Wald der Nehrung bedient. 1629 bis 1635 okkupierten die Schweden die Halbinsel, schlägerten auf Teufel komm raus und der kam dann in Gestalt von Sand. Im Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763) hatten Russland seine Hand auf der Nehrung und schlägerte offenbar punktuell, aber dort ergiebig. Beide Male war der Schiffsbau wesentlicher Grund für die Fällungen.
In der Folge hat sich im 19. Jahrhundert (und teilweise bis heute) in der allgemeinen Wahrnehmung ein eindeutiger Schuldiger für die Katastrophe herauskristallisiert: Es war der Russe!
Der Sandflug hat zwar schon lange vor dem Eingreifen des Russen eingesetzt, aber ein ordentliches Feindbild ist schon was wert. So lässt sich das eigene Versagen besser bemänteln.
Selbst als auch ohne Russen die Dringlichkeit für eine Verhaltensänderung und für ein Eingreifen der preußischen Behörden offensichtlich war, wurde nichts getan, sondern man sah den Vorgängen tatenlos zu. Feindbilder sind die Projektionen der verdrängten eigenen dunklen Abgründe und so stellen sie weniger für den anvisierten Gegner, als vor allem für einen selbst eine Gefahr da. Denn die Düne kommt und deckt einen zu…..

Es waren dann auch nicht die Feindbilder, die die Halbinsel retteten, sondern vor allem die Initiativen einzelner engagierter Menschen. Zunächst aber versuchte man, sich den neuen Bedingungen anzupassen und mit dem Sand leben zu lernen. Man errichtete Sandsperren. Man teilte die Haustüren in einen oberen und einen unteren Teil. Der untere Teil war über Nacht zugeweht, aber durch den oberen Teil konnte man das Haus verlassen und es wieder ausgraben. In der Kirche von Sarkau (heute: russländisch Lesnoj) baute man zwei Kanzeln, die der Pfarrer je nach Windrichtung bestieg, sodass er den durch die Ritzen eindringenden Sand im Rücken hatte.
Alle Anpassungsversuche nützen nichts. Die Dünen näherten sich unaufhaltsam den Behausungen der Menschen. Friedhöfe wurden frei- und Dörfer zugeweht. Die Bewohner der Nehrung verlegten ihre Siedlungen entweder an andere, windgeschütztere Stellen oder mussten sie letztendlich ganz aufgeben. Ein Teil der Orte der alten Nehrung existiert heute nicht mehr. Der Hauptort des litauischen Teils der Kurischen Nehrung Nida/Nidden ist bereits das dritte Nidden/Nida, die beiden Vorgängerorte liegen unter den benachbarten Dünen begraben.

Synonym für den Untergang wurde aber das oben in dem Anfang des „Gedichts“ beschriebene Karwaiten. In Zitat C des Reiseschriftstellers wurden wir bereits Zeuge des Untergangs der Kirche von Karwaiten. Der Vorvorgänger des im Zitat erwähnten Pfarrer Schwarz, Gottfried Zudnochowius hielt sich 17 Jahre als Seelsorger in Karwaiten. Das war ungewöhnlich lange, denn die schwierigen Seelsorgebedingungen ließen die meisten Pfarrer, die auf die Nehrung kamen, auf die eine oder andere Weise bald kapitulieren. Zu diesen Seelsorgebedingungen gehörte nicht nur der fliegende Sand und die schwierigen Verkehrsverbindungen zwischen den weit verstreuten, zu betreuenden Siedlungen, sondern auch die Mehrsprachigkeit der Halbinsel. Auf der Nehrung wurde nicht nur deutsch, sondern auch nehrungskurisch und litauisch gesprochen. Zudnochowius verstand es wohl als bewusstes Opfer unter ärmlichen Bedingungen bei den Fischern auf der Nehrung auszuharren. Er kam in ein Gebiet, über das ein geistlicher Visitator 1738 geschrieben hatte: das ins Herz geredete Wort verrauchet, die Kinder sterben ungetauft, der Kranke bleibt ohne Zuspruch…eine verödete Gegend.

Als 1752 Karwaiten endlich als Sitz eines Pfarrers für den Ort und eine Reihe weiterer Dörfer eingerichtet wurde, nachdem die strittigen Fragen bezüglich der Bezahlung und Versorgung des Geistlichen gelöst werden konnten, hieß es in der entsprechenden Verfügung: für das Brennholz sei gesorgt, denn das habe der Amtsinhaber direkt vor der Haustüre.
Damit war wohl gemeint, der Pfarrer sollte sein Holz aus dem damals noch existierenden Wald von Karwaiten entnehmen….
Gottfried Zudnochowius hinterließ Aufzeichnungen über seine Arbeit, in die auch Notizen über die Versandung Karwaitens einflossen. Nach seinem Tod 1781 hielt es sein Nachfolger nur wenige Monate in Karwaiten aus, bevor dann der oben erwähnte Pfarrer Schwarz vier Jahre gegen den Untergang standhielt, bis er die „Sakristeischlüssel abgeben musste“ bzw. den Kelch weiterreichte.
In Litauen erzählt man sich noch folgende Geschichte über Zudnochowius‘ Begräbnis: Die Fischer bestatteten ihren verehrten Pfarrer in Karwaitens Sand, doch seine Familie bestand darauf, ihn in seinem Heimatort auf der Festlandseite des Haffs zu begraben. In einer kalten Winternacht glitt sein Bruder mit Skiern über das zugefrorene Haff nach Karweiten und entführte den Leichnam. Als die Fischer den Diebstahl bemerkten, war ihr Pfarrer schon in Festlanderde begraben. Um die heftigen Proteste der Fischer abzumildern, versprach der Bruder, Branntwein auf die Nehrung zu liefern – offenbar als eine Art Seelsorgeersatz.

1797 verließen die letzten Bewohner Karwaiten. In dem an der Haffseite gelegenen Schwarzort (heute: litauisch Juodkrantė) ließen die Behörden anstelle der untergegangenen Karwaitener Kirche eine neue Gemeindekirche errichten. Schwarzort war zuvor an der Seeseite gelegen und dort schon mit Beginn des 17. Jahrhunderts langsam vom Sand verschluckt worden. Das Holz für den Bau der neuen Kirche kam offenbar größtenteils aus den noch verbliebenen Wäldern der Nehrung. Als dann jedoch weitere Gebäude für die Einrichtung der Pfarre gebaut werden sollten, legte sich die Kriegs- und Domänenkammer (später: Regierung) in Gumbinnen gegen eine Verwendung des Schwarzorter Waldes quer: Dieser Wald diene zum Schutz wider große Versandung und müsse als solcher auf alle weise geschont werden, ließ man die ausführende Behörde wissen.
Es scheinen sich zwar innerhalb der Bürokratie durchaus unterschiedliche Wahrnehmungen bezüglich der Versandung herausgebildet zu haben, aber, wie schon oben über den Vertrag von Windenburg berichtet, war solche Behördenerkenntnis nicht neu. Die Waldordnung von 1615/1624 enthält die Bestimmung: Hinsichts dessen, dass der Sarkauer Wald durch die übertriebene frühere Hölzung beinahe ganz verhauen worden ist, solle er in Zukunft mit aller Hölzung verschont bleiben und daraus niemand etwas an Holz verabreicht werden.
Wie gesagt, Einsicht prägt nicht unbedingt das Verhalten.

Der Aufmerksamkeit der Obrigkeit konnte es da auch nicht entgehen, dass es in Folge der Versandung zu veränderten Verhaltensweisen der Nehrungsbewohner gekommen war. Auslöser dieser speziellen Veränderungen waren die Bewohner des gerade erwähnten, am Beginn der Nehrung gelegenen Sarkau (heute: russländisch Lesnoj), die sich, durch den Kampf gegen den Sand völlig verarmt und entnervt, eine neue Lebensweise zulegten. Sobald der Winter einigermaßen vorüber war, machten sie ihre Hütten dicht und zogen als Nomaden über die Nehrung. Dabei holten sie sich ungefragt überall das, was sie gerade brauchen konnten. Alles was in den Dörfern der Gegend nicht niet und nagelfest war, ging in den (unrechtmäßigen) Besitz der Sarkauer übrig. Auch Haustiere. Dieser Haffpiraterie stellten sich die sesshaften Nehrungsbewohner und Haffanrainer zwar offen entgegen. Die Sarkauer entwickelten jedoch spezielle Fähigkeiten, trotzdem an das gewünschte Beutegut heranzukommen. Versuche, ihr entwendetes Gut zurückzufordern, endeten für die Bestohlenen meist in der Ernte von Beschimpfungen und Schlägen.
Ressourcenkampf kann man das auch nennen. Nachdem die Versandung von Sarkau gestoppt werden konnte, wurden aus den Sarkauern wieder sesshafte und ehrbare Untertanen.

Die Rettung im Kampf gegen den Sand nahte – die Betonung liegt hier auf „nahte“ – schließlich in Gestalt der Naturforschenden Gesellschaft in Danzig. Diese hatte das Problem der Versandung gleichsam vor der Haustüre, denn östlich von Danzig (heute: polnisch Gdansk) beginnt die sog. Frische Nehrung, quasi die Schwesternnehrung der Kurischen Nehrung, die bis vor Pillau (heute russländisch: Baltijsk), dem Königsberg vorgelagerten Eingangsort ins Frische Haff, reicht. Auf der Frischen Nehrung spielte sich durch allerlei, Zitat von 1884, „unkluge Unternehmungen“ und ihren Folgen eine ähnliche Entwicklung ab, wie auf der Kurischen. Die Naturforschende Gesellschaft lobte daher 1767/68 einen Preis für die Beantwortung der Frage aus, wie man diese Vorgänge am besten rückgängig machen könnte. Der Preis wurde dem Wittenberger Gelehrten Johann Daniel Titius zugesprochen, der in einer Studie eine Kombination von arbeitsintensiven Maßnahmen zur Beendigung der Versandung vorschlug.
Folgen hatte die Arbeit Titius‘ zunächst keine. Die Bürokratie versenkte die Studie in den Schubladen und der Freistaat Danzig versuchte sich in einem unabhängig davon entwickelten „Rettungsprogramm“, das aber ordentlich in die Hose, besser, in den Sand ging. Als diese Initiative des Freistaats genau das Gegenteil des angestrebten Ziels erreichte, kam Bewegung in die Sache.
Ein in Danzig lebender Däne namens Sören Björn experimentierte mit den von Titius vorgeschlagenen Methoden und verknüpfte sie mit dem Wissen, das man in seiner dänischen Heimat besaß. Björn reichte darüber beim preußischen Staat eine Denkschrift ein, die schließlich die Obrigkeit davon überzeugen konnte, aktiv zu werden. Preußen beauftragte Björn mit dem Rettungsprogramm für die Frische Nehrung.
Auf Basis der dabei gemachten Erfahrungen und unter Björns Anleitung und Ratschlag wurden ab 1803 auch auf der Kurischen Nehrung entsprechende Maßnahmen gesetzt. Das Kernstück dieses Programms bestand zunächst in der Aufschüttung und Bepflanzung einer Vordüne an der Seeseite, die den heran fliegenden Sand abfing. Während Björn mit den Arbeiten auf der Frischen Nehrung bis zu seinem Tod 1819 beschäftigt war, schien der Ehrgeiz der preußischen Behörden auf der Kurischen Nehrung eher zu versanden, sodass es auch hier auf die Initiative von Einzelpersonen ankam. Das waren etwa der Inhaber der Poststation von Nidden Georg David Kuwert und später der ursprünglich aus Goldap (heute: polnisch Gołdap) stammende Förster Wilhelm Franz Epha, die die Arbeiten vorantrieben.
Epha arbeitete weiter an der Erichtung der Vordünen, die man an einer aus Pflöcken errichteten Barriere wachsen ließ, in der sich der anfliegende Sand verfing. Bis in die 1860er Jahre war die Vordüne von Cranz (heute: russländisch Zelenogradsk) am Ausgangspunkt der Kurischen Nehrung bis Perwelk (heute: litauisch Pervalka) im nördlichen Teil der Nehrung gediehen. Für den nun folgenden größeren Teil der Arbeit, nämlich der Fixierung der großen Wanderdünen, die mit einer Höhe von bis zu 60 Metern Orte wie Nidden oder Rossitten bedrohten, musste der Staat jedoch ordentlich viel Geld in die Hand nehmen. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hielt sich, wie gesagt, die Begeisterung der Bürokratie für solche Maßnahmen in Grenzen. Nachdem aber dann der Ort Neu-Neegeln vom Sande verschluckt worden war, ging auch der Politik und den Beamten in den Tintenburgen des Preußenlandes das notwendige Licht auf. Ephas großer Verdienst besteht darin, dass er eine Methode entwickelte, mit der man die großen Wanderdünen bepflanzen konnte. Der Versuch, die Wanderdünen nach der gleichen Art zu bepflanzen wie die Vordünen, war nämlich gründlich gescheitert.

Das Zögern des preußischen Staates bei der Rettung der Kurischen Nehrung ist umso unverständlicher, als dass bis in die 1830er Jahre hinein der zentrale Postweg Paris – Berlin – Königsberg – Memel – Riga – St. Petersburg über die Kurische Nehrung verlief. Die ohnehin mühevoll zu bewältigende Strecke über die Nehrung wurde durch den Sandflug zusätzlich verschärft.
Der Naturwissenschaftler, der Zitat B verfasste, war eben über diesen Postweg unterwegs. Als er am 18. April nach der Bewältigung problematischer Fahrbedingungen spät abends an der Nordspitze der Nehrung ankam, verhinderte ein starker Eisstoß im Haff, dass er am nächsten Tag nach Memel übersetzen konnte. So musste er mit anderen Reisenden vier Tage im Sandkrug (also gewissermaßen „Gasthaus zum Sand“, heute: litauisch Smiltyne) ausharren, wobei die Lebensmittel bereits knapp wurden. Das Eis untergrub das sandige Ufer und alle Gebäude, die in Ufernähe standen, wurden von den Eismassen mitgerissen, sofern sie nicht vorher von den Einwohnern abgebrochen worden waren.

Die Rettung der Nehrung ringt einem großen Respekt vor der Leistung der Menschen ab, die durch ihre Weitsicht, ihr Engagement und ihren Fleiß dieses Jahrhundertprojekt ermöglichten. Speziell Kuwert und Epha, sowie ihr Nachfolger Hagen, sind daher bis heute Säulenheilige der Nehrung geblieben.
Was haben die heutigen Besitzer der Kurischen Nehrung, Litauen und Russland mit diesen Geschehnissen zu tun?
Es gilt dieses Erbe zu bewahren und zu entwickeln. Das ist nicht einfach, da die Nehrung im Besonderen, so wie alles Leben und alle Natur, kein Zustand sondern ein Prozess ist. Wer sich auf die Nehrung bewusst einlässt, erlebt vielleicht intensiver als anderswo unsere Welt als vergänglichen Augenblick.
Sand, Wind und Wellen als auch andere Naturkräfte arbeiten beständig an der Nehrung und verändern ihr Aussehen. Der Mensch versucht diese Entwicklungen zu steuern.
Auf den letzten echten Dünen der Kurischen Nehrung baggert der Wind den Sand von der Westseite der Düne auf die Ostseite und teilweise wieder zurück. Während dieser Verlagerungen, bei denen es auf einer einzigen Düne im Verlauf von ein paar Jahrzehnten um einige Millionen Kubikmeter geht, geht ein Teil des Sandes verloren. Die Dünen verändern ständig ihr Aussehen und werden dabei stetig kleiner, da nicht so viel Sand nachkommt, wie weggeblasen wird oder ins Haff abrutscht. Wäre das Rettungsprogramm nicht umgesetzt worden, wäre die Nehrung in einigen 100 Jahren flach geblasen und das Haff mit dem Sand aufgefüllt worden.
Natürlich spielt die Tier- und Menschenwelt für die Entwicklung der Kurischen Nehrung ebenso eine wichtige Rolle. Es gilt die Wildtierpopulationen und die manchmal ebenso wilde Population der Menschen auf der Nehrung im Zaum zu halten. Nicht so richtig geglückt ist das bei den Kormoranen, die sich massenweise auf der Nehrung angesiedelt haben. Die Kormorane sind gute Fischjäger, machen den Hafffischern massiv Konkurrenz und bedienen sich auch in den Fischteichen am Festland. Zugleich bringen die Kormorane die Bäume, auf denen sie nisten, durch ihre Exkremente früher oder später zum absterben.
Andererseits ist der Nehrungswald wieder so dicht nachgewachsen, dass vielfach die Sicht auf‘ s Haff nicht mehr gegeben ist. Die Verantwortlichen fragen sich daher, wie man durch geeignete Fällungen wieder zu mehr Durchblick auf der Kurischen Nehrung gelangt. Das scheint bei dem komplizierten Zusammenspiel von Natur und Kulturlandschaft nicht so einfach zu sein.
Nach dem Krieg war die Kurische Nehrung militärisches Sperrgebiet der Sowjetunion, bereits aufgeteilt zwischen der russischen und litauischen Teilrepublik. Später wurde sie für den Tourismus geöffnet. Die Folge waren unter anderem zahlreiche Waldbrände und Verschmutzungen. Schon die Sowjetbehörden erkannten die besondere Schutzbedürftigkeit dieses Landstrichs, was sich aber auch hier nicht unbedingt in den entsprechenden Handlungen niederschlug. Schrittweise wurde die Nehrung jedoch einem Schutzprogramm unterstellt, das schließlich in die Gründung eines (d.h. eigentlich zweier) Nationalparks mündete. Seit der Jahrtausendwende ist die Kurische Nehrung UNESCO-Welterbe.

 

Das nächste mal Klang Nr.2 : das Cafe Neringa.

Zitat A:
Der Schriftsteller und Komponist E. T. A. Hoffmann (1776 – 1822)
„Das Majorat“. Der Anfang der in Rossitten angesiedelten Erzählung ist hier zitiert nach Projekt Gutenberg, basierend auf einer Ausgabe des Insel Verlages; Frankfurt/Main 1988. Hoffmann stammte aus Königsberg.

Zitat B:
Der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769 -1859)
aus: Briefe Alexander’s von Humboldt an seinen Bruder Wilhelm, herausgegeben von der Familie von Humboldt in Ottmachau; Stuttgart 1880. S 170.
Im Original steht allerdings statt dem hier verwendeten Wort „Halbinsel“, der Ausdruck „Nährung“. Humboldt war damals, 1829, unterwegs nach St. Petersburg, um von dort aus im Auftrag des Zaren eine Forschungsreise durch Russland und Sibirien zu unternehmen.

Zitat C:
Ludwig Passarge (1825 -1912), Jurist, vor allem aber Reiseschriftsteller und Übersetzer Ibsens
aus: Die neuen Preußischen Provinzialblätter, vierte Folge; hrsg. von Rudolf Reicke und Ernst Wichert; Der Provinzialblätter 74. Band; Königsberg, 1871. S 199f.
Passarge stammte aus dem ostpreußischen Landkreis Heiligenbeil und ging in Königsberg zur Schule. Von ihm stammen einige wichtige Beschreibungen der Kurischen Nehrung.

Das oben erwähnte „Zitat von 1884“, das sich auf die Frische Nehrung bezog, entstammt dem Bericht über Eine Bautechnische Studienreise nach West- und Ostpreussen, der von Friedrich Gerlach 1884 im Springerverlag herausgegeben wurde. S 28

Neben den erwähnten drei „Säulenheiligen“ der Nehrung haben sich weitere Personen um die Rettung der Kurischen Nehrung verdient gemacht, ganz abgesehen von denjenigen, die die eigentliche Arbeit des Bepflanzens usw. verrichtet haben (darunter offenbar auch Strafgefangene). Zu nennen ist hier der Oberforstmeister Müller aus Königsberg, dem eine Höhe bei Rossitten/Rybačij gewidmet ist: Müllers Höhe. Müllers Höhe ist sozusagen Müllers Lust, denn sie zeichnet sich durch einen fantastischen Fernblick aus, den man von dort oben genießen kann. Dieser Fernblick hatte in der guten alten Zeit des Kalten Krieges die Generäle dazu animiert, auf der Höhe eine militärische Anlage zu errichten, von der heutzutage noch ein Wachturm übriggeblieben ist. Wer schwindelfrei und trittsicher ist und auch den Tod nicht fürchtet, kann den Turm besteigen…
Weitere Sandkämpfer waren etwa der Düneninspektor Senftleben, der in der Zeit vor Wilhelm Franz Epha gewirkt hat oder Wilhelm – nomen est omen – Sandner, der sich im Nordteil der Nehrung verdient gemacht hat.

Von den Burgen, die der Deutsche Ritterorden auf der Nehrung errichtet hat, sind heute keinerlei Spuren mehr übriggeblieben. Diese Burgen sollten nicht nur für den Orden den Heeresweg sichern, sondern umgekehrt auch verhindern, dass die Litauer über die Nehrung ins Ordensland einfallen können. Nach der Niederlage des Ordens gegen Polen/Litauen und den entsprechenden Friedensabkommen ging der Zweck der Burgen verloren und sie verfielen rasch.
Schon E. T. A. Hoffmann konnte nichts mehr von den Fundamenten der Rossittener Burg finden, seine diesbezügliche Beschreibung in der Erzählung „das Majorat“ ist Fiktion. Auch von der Windenburg auf der Festlandseite des Haffs ist außer ihrem Namen nichts übriggeblieben. Ihre Fundamente versanken im Haff.
Was die erwähnte Burg Neuhaus angeht, gibt es verschiedene Ansichten über ihre Lage. Manch einer verortet sie in der ebenfalls aus einer Burg hervorgegangenen Siedlung Pillkoppen (heute: russländisch Morskoje), die zunächst Neustadt genannt wurde. Es muss aber tatsächlich eine Burg Neuhaus am Eingang der Nehrung gegeben haben. Das wäre auch aus strategischer Sicht naheliegend.

Zuletzt noch eine Bemerkung zur offiziellen litauischen Namensgebung der Halbinsel: Das sandige Gebilde an sich heißt in Litauen Kuršių nerija, also auch Kurische Nehrung,  der Name Neringa bezeichnet den Zusammenschluss der im litauischen Teil gelegenen Ortschaften zu einer Gemeinde, bzw. „Stadt“.

Die Muttergottes und der Osten

Die Verehrung der  Muttergottes Maria spielt in Mittel- und Osteuropa eine wichtige Rolle im Selbstverständnis der jeweiligen Völker. Gleichwohl hat diese Gemeinsamkeit der Verehrung in der Vergangenheit nicht dazu geführt, dass sich – wie man annehmen könnte – die Beziehungen der Völker zueinander gebessert haben. Eher das Gegenteil.     Es ist also kein Zufall, wenn dieser Beitrag an die vorangegangene Serie über die Europastraße 30 anknüpft, die wir „Brücken und Gräben“ genannt haben und in dessen 3. Teil die Muttergottes unerwähnter Weise eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat.

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Brücken und Gräben Teil 3

Von Cork bis nach Moskau. Das ist die Europastraße 30 (E30), die wichtigste West – Ost Straßenverbindung des Kontinents. Wir befahren sie ausgehend vom irischen Cork Richtung Osten. In Teil 2 machten wir zuletzt Station in der weißrussischen Grenzstadt Brest. Dort wurden wir Zeuge der Eroberung der sowjetischen Festung Brest durch die Truppen Nazi-Deutschlands Ende Juni 1941. Mit diesem Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion wurde aus dieser Straßenverbindung von West- und Osteuropa ein riesiger Graben, der bis heute nicht vollständig überbrückt ist. Auf der Fahrt von Brest weiter nach Osten wird man unwillkürlich mit der noch immer offenen Frage konfrontiert: Sind wir fähig aus Geschichte zu lernen? Mal sehen, was die E30 für Antworten darauf bereit hält:

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B und G wie Brücken und Gräben Teil 2

Brücken verbinden und Gräben trennen. Wir sind unterwegs auf der Europastraße 30, die das irische Cork mit Russlands Herz Moskau verbindet. Allerdings wurden in dem östlichen Abschnitt der E30 auch Gräben aufgeworfen, die bis heute nicht vollständig überbrückt sind.

In Teil 1 machten wir zuletzt in der Friedensstadt Osnabrück Station. Von dort geht es jetzt weiter Richtung Osten. Hier sind an der E30 eine Reihe wichtiger Städte aufgefädelt: Hannover, Braunschweig und Magdeburg, sodann macht die E30 einen Bogen um die deutsche Bundeshauptstadt und wir landen schließlich in Frankfurt an der Oder. Dieses stand immer im Schatten seines größeren Namensvetters am Main. So nennt man in Wien doch die Wiener Würstchen Frankfurter, oder? Und meint dabei die vom Main. Allerdings, für einen „Maineid“ gibt es keinen Grund, im Gegenteil: Frankfurt (Oder), ist keineswegs ein „Frankfurts“, sondern hat das Eine oder Andere zu bieten. Es ist die Kleiststadt, weil der später nicht glücklich gewordene Dichter Heinrich von Kleist hier geboren wurde und auch einen Teil seiner Kindheit und Jugend in der Stadt verbracht hat. Kleist entstammt einer alten und weitverzweigten Adelsfamilie, die neben Beamten und Gutsbesitzern auffällig viele hohe und höchste Offiziere hervorgebracht hat. Der heutzutage wohl bekannteste von diesen ist jener Ewald von Kleist, der in Hitlers Heer Kommandeur einer sogenannten Panzergruppe, später Panzerarmee, war. Eine der „Vorzeigeobjekte“ der deutschen Wehrmacht.

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B und G wie Brücken und Gräben Teil 1

Beide Begriffe – Brücken wie Gräben – sind symbolisch zu verstehen: Brücken meinen Menschen, Institutionen und Geschehnisse etc., die Ost und West miteinander verbinden, Gräben dagegen jene Größen, die den Kontinent Europa entzweien.

Wir werden unregelmäßig entsprechende Beispiele vorstellen. Manchmal können Brücken zugleich auch Gräben sein und aus Gräben Brücken werden. Zu Beginn besehen wir dazu ein allzu profanes Beispiel, das es aber in sich hat: Die E30 .

E30 ist kein Lebensmittelzusatzstoff aus gemahlenen polnischen Waldläusen, sondern ein wirklich den Kontinent verbindendes Projekt, das aber in seiner Vorgeschichte öfters dazu benutzt wurde, um zu trennen: die europäische Fernstraße oder offiziell: die Europastraße 30.

Der Kontinent wird von einer Vielzahl von internationalen Straßenverbindungen durchzogen, die die Staaten Europas von Nord nach Süd und von Ost nach West miteinander verbinden. Manche verlaufen nur durch zwei oder drei Länder, andere queren tatsächlich den ganzen Kontinent. An größeren Straßenbeschilderungen auf solchen Routen kann man dazu ein kleines grünes Rechteck mit der entsprechenden E-Kennzeichnung erkennen.

Eine der interessantesten Verbindungen dieser Art ist die durch sieben Staaten verlaufende E30, die sich von Cork im südlichen Irland bis nach Moskau und dann in ihrer Verlängerung bis ins sibirische Omsk zieht. Von dort führen weitere Trassen nach Wladiwostok, sodass die E30 Teil einer interkontinentalen, europäisch-asiatischen Straßenverbindung mit einer Länge von über 12000 km ist.

Auf und entlang der E30, bzw. ihrer Vorläufertrasse in Mittel- und Osteuropa spielen einige der zentralsten Bestandteile europäischer Geschichte. Vor allem auf diese Teile werden wir hier einen Blick werfen.

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D und R wie Deutschland und Russland 1

In der Einleitung dieses Blogs hieß es, es gehe um die sieben Länder im Bereich von Polen bis Russland. Doch in Wirklichkeit gibt es noch ein achtes Land, das in diesem Teil Europas eine Rolle spielte und in gewisser Weise noch immer spielt und das ist Deutschland (und die österreichische Monarchie hatte in der Vergangenheit auch noch ein Wörtchen mitzureden). Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war das Deutsche Reich über seine ostpreußischen Gebiete Teil der Region und auf bestimmte Art ist Deutschland bis heute ein Faktor in Mittel- und Osteuropa geblieben. Darüber hinaus gab es zahlreiche Siedlungsgebiete im Osten, in denen sich deutsche Siedler niederließen.

Die aktuelle Rolle Deutschlands im Osten hängt einerseits mit seiner starken Stellung in Europa zusammen, andererseits mit dem Verhältnis bzw. dem besonderen Kräftefeld, das sich zwischen Deutschland und Russland entfaltet. Bekanntlich reagieren die Staaten, die in diesem Kräftefeld liegen, ziemlich sensibel auf die Strömungen in diesem Verhältnis. Eigentlich wäre man in Deutschland der Ansicht, dass es Europa immer dann gut geht, wenn das Verhältnis Deutschlands zu Russland in Ordnung ist. In Polen und anderen Ländern des Raumes dazwischen sieht man das aber mitunter umgekehrt. Da stellen gute deutsch-russische Beziehungen eher eine Gefahr dar. Diese Interpretation leitet sich nicht zuletzt aus dem Hitler-Stalin Pakt her, der eine Aufteilung der zwischen den beiden Mächten liegenden Gebiete in Interessensphären mit sich brachte und offenkundig den Zwischenländern nicht gut getan hat. Doch den Hitler-Stalin Pakt als Teil guter deutsch-sowjetischer (bzw.russischer) Beziehungen zu sehen, ist ziemlich verwegen.

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C wie Chelm

Die Einwohner von Chelm sind in zwei Lager gespalten: Leidenschaftlich streiten sie über die Frage, ob die Sonne oder der Mond wichtiger für die Welt ist. Nachdem die Querelen kein Ende nehmen, treten die Weisen der Stadt zusammen, um den Streit zu schlichten. Nach eingehender Überlegung verkünden sie einen Schiedsspruch, der alle überzeugt:„Klarerweise ist der Mond für die Welt wichtiger. Denn er scheint in der Nacht, wenn wir ohne sein Licht nichts sehen könnten. Aber die Sonne scheint am Tag, wo wir sie gar nicht brauchen, weil es ohnehin hell ist.“

Diese kleine humoristische Geschichte eignet sich gut dazu, etwas über die Durchdringung wie auch die Abstoßung der in Mittel-Osteuropa lebenden Kulturen in Erfahrung zu bringen. Nicht ganz zufällig erinnert die Erzählung an die uns vertrauten Schildbürger und an ähnliche, einfältige Genossen in zahlreichen anderen Ländern Europas wie z.B. die Bewohner von Gotham in der britischen Folklore. Die Variante der Weisen von Chelm entstammt allerdings aus einer untergegangenen Kultur, nämlich der jüdischen, bzw. der jiddischen Sprachkultur in Mittel- und Osteuropa. Sie lebt aber als fester Bestandteil im jüdischen Erinnerungsraum weiter. Gewissermaßen lässt sich also sagen, dass das einzig wirklich Völkerverbindende die Dummheit ist. Allerdings ist sie auch das, was die Völker voneinander trennt.

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