Guter Österreicher, Schlächter Österreicher

Die österreichische Öffentlichkeit erlebte im Frühjahr dieses Jahres 2018 einen kleinen Vergangenheitsbewältigungs-Hype, als der österreichische Filmregisseur Christian Frosch seine neueste Arbeit „Murer – Anatomie eines Prozesses“ beim Grazer Filmfestival Diagonale vorstellte. In diesem Film geht es um den Gerichtsprozess im Jahre 1963 in Graz gegen den österreichischen NS-Funktionär Franz Murer.

Der Landwirt Franz Murer aus der Obersteiermark wurde von der Geschichte in die Rolle des NS-Ghettokommandanten von Vilnius gespült und dort als „Schlächter von Vilnius“ ein Begriff.  Oder besser gesagt: er wurde kein Begriff, denn in Österreich klappte man diesbezüglich das Buch der Geschichte schon relativ bald nach dem Krieg wieder zu und ließ die Sache auf sich beruhen. Murer wurde zu einem anerkannten Landwirtschaftsfunktionär der Österreichischen Volkspartei in der Obersteiermark und als der “Nazijäger“ Simon Wiesenthal es schaffte, ihn trotzdem 1963 in Graz vor Gericht zu bringen, endete das Ganze mit einem Freispruch Murers – trotz der erdrückenden Beweislage für die von ihm im Ghetto von Vilnius verübten Verbrechen. In der Steiermark war der Jubel über den Freispruch groß, so groß wie anderorts die Verwunderung über diesen Prozessausgang.

Der Staatsanwalt gab sich zunächst nicht geschlagen. Er begab sich unter anderem auf eine Reise nach Vilnius, um neue Beweise und Zeugen für Murers Täterschaft ausfindig zu machen, aber letztendlich stellte die österreichische Justiz das Verfahren Mitte der 70er Jahre ein. Murer starb in den 90er Jahren als geachteter und geschätzter Bürger. Und an diesem Bild hat man in der Obersteiermark offenbar nicht wirklich etwas ändern wollen. Als der Verfasser dieser Zeilen Anfang des neuen Jahrtausends zum ersten Mal den Namen Franz Murer hörte, wunderte er sich, wie wenig, d. h. eigentlich gar nicht, dieser Name und die damit verbundene Geschichte in der Öffentlichkeit bekannt war.

In diese etwas trügerische Friedhofsruhe stach dann Froschs Film. Der einzige Schönheitsfehler an dem darauf folgenden Medienecho auf den Film und den Fall Murer bestand darin, dass der geübte Autor Johannes Sachslehner bereits im Herbst 2017 im Molden Verlag ein Buch über Murer herausgebracht hatte (Rosen für den Mörder), was aber kaum eine entsprechende Beachtung fand. Erst im Windschatten des Films bekam auch Sachslehner Anerkennung und konnte etwa auf „Spiegel-Online“ einen Artikel über Murer verfassen.

Nach der Arbeit an seinem Film zog Regisseur Christian Frosch ein beinhartes Resümee zum Zustand Österreichs: Das Land habe keine Seele und keinen Charakter. Es bestehe aus Tätern, Zuschauern und Opfern. Und weiter: „Das Spannende ist, dass man hier sehen kann, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert(e). Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären. Diesem Prozess lag kein seelischer Defekt zugrunde, sondern Kalkül. Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“ (Zitiert nach der Webseite des Filmfestivals Diagonale)

Wenn ein so striktes Urteil gesprochen wird, sollte man sich natürlich fragen: Stimmt es denn? Die Antwort ist: in gewisser Weise ja, andererseits aber auch wieder nicht. Wer solcher Art Urteile abgibt, sollte es sich nicht zu einfach machen.

Einerseits ist es immer problematisch, Urteile über ein Kollektiv zu fällen. Andererseits fällt auf, dass im öffentlichen Diskurs das Wissen über diesbezügliche Zusammenhänge fehlt. Das soll hier kurz erklärt werden. Was das Urteilen über ein Kollektiv angeht, gibt es dazu eine gute Geschichte, die vielleicht zum Nachdenken anregen kann:

Der Liebe Gott beschließt, Sodom und Gomorra zu vernichten. Der Grund für diese Entscheidung ist klar. In Sodom und Gomorra geht es eben sprichwörtlich so zu wie in Sodom und Gomorra. Als Vater Abraham von der Sache Wind bekommt, ist ihm sofort bewusst: das wird ein Riesen-Gemetzel. Also verhandelt er mit Gott darüber, wie man die Zerstörung verhindern könnte. Er schlägt ihm vor, sollte es 50 Gerechte in Sodom geben, so möge Gott seine Absicht aufgeben, die Stadt zu zerstören. Gott findet die Idee in Ordnung. Wenn es in Sodom 50 Gerechte gebe, sichert er Abraham zu, will er ihretwegen die Stadt nicht zerstören. Abraham handelt dann die Zahl der Gerechten noch auf 10 herunter. Leider fanden sich in Sodom auch diese 10 Gerechten nicht, so kam es, wie es kommen musste…(1.Mose 18,16-19,29)

Die Frage, die sich hier stellt, ist: Warum hätte Gott für diese 10 Gerechten die Stadt verschont? Weil er so lieb ist? Zunächst einmal geht es hier um Gerechtigkeit den Gerechten gegenüber. Das leuchtet auch Gott ein. Und dann kann man sich zusätzlich die Frage stellen: machen nicht vielleicht gerade diese 10 Gerechten die Seele der Stadt bzw. eines Landes aus? Um daher auf Regisseur Froschs Urteil über Österreich zurückzukommen: Österreich weist 109 Gerechte auf. Als solche werden sie zumindest von der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Israel geführt.

Um einen dieser 109 wird es im zweiten Teil dieses Aufsatzes gehen, den guten Österreicher sozusagen, der eine Zeit lang einen Konterpart zu Murer bei der Vernichtung der Juden in Vilnius spielte. So lange er dazu die Möglichkeit hatte. Im Umgang mit dessen Geschichte zeigt sich eigentlich das wichtigere Moment in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit: Dass die Leut, wie im Fall Murer, was dagegen hatten, mit dem Bösen in Zusammenhang gebracht zu werden, ist gewissermaßen noch nachvollziehbar. Das eigentlich Bestürzende ist, dass sie mit dem Guten nichts anfangen konnten. Doch dazu später.

Zuvor aber noch einmal zur Einordnung dieses Gerichtsverfahrens gegen Franz Murer in Graz. Man wird die justizielle Niederträchtigkeit des Murer-Prozesses kaum begreifen, wenn man nicht den Rahmen im Auge hat, in dem das Ganze passierte. Und dieser Rahmen hat ein überraschendes Aussehen:

Nach dem Untergang des Nazireiches, war in Österreich klar geworden, dass die Idee des „Anschlusses“ Österreichs an Deutschland endgültig gescheitert war. Diese „Anschluss“-Idee war in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg aufgekommen und hatte zunächst mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun. Der historische Kontext dazu reicht letztendlich bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die politische Führung Österreichs suchte daher nach 1945 nach Möglichkeiten, die Österreicher mentalitätsmäßig umzupolen, d.h. von Deutschland und dem Deutschtum abzugrenzen und in die Gegenwart zu holen. Es ging um die Bildung einer österreichischen Nation. Heute wird kaum mehr jemand daran zweifeln, dass es eine österreichische Nation gibt, aber das war nicht immer so. Eine Nation-Werdung ist ein Prozess, der sich langsam entwickelt. Um diesen Prozess, der über die Abgrenzung zu Deutschland laufen musste, anzustoßen, setzte man dabei insbesondere auf den Mythos von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus. Diese Sichtweise läuft letztendlich darauf hinaus, dass man mit den Nazi-Verbrechen nicht wirklich etwas zu tun hat. Der Mythos hat im Sinne der Nation-Werdung perfekt funktioniert, allerdings mit Kollateralschäden. Einer davon war der Murer-Prozess. Österreichs Nation-Werdung ist eine Medaille mit zwei Seiten, von denen eine richtig weh tut.

Aus den jetzigen Erfahrungen mit den ehemals kommunistischen Ländern in Mittel-Osteuropa sehen wir, dass es lange Jahre bis Jahrzehnte dauert, bis man sich dort den dunklen Seiten der eigenen Geschichte tatsächlich stellen kann und möchte. Das hat offenbar etwas mit dem Grad der Selbstfindung zu tun. Die Überzeugung, dass Österreich in seinem Umgang mit der eigenen Geschichte irgendwie eine negative Monopolstellung besitzt, ist nicht wirklich zielführend. In Österreich konnte man daher diesen Mythos vom ersten Opfer Hitler-Deutschlands erst dann langsam auflösen, als die Bildung einer österreichischen Nation entsprechend gefestigt war. Das begann so etwa 40 Jahre nach Kriegsende mit der sog. Waldheimaffäre, als es um die Kriegsvergangenheit des österreichischen Bundespräsidenten(bzw. -Kandidaten) ging.

Und nun zu dem besagten Guten Österreicher. Wie gesagt, er ist einer der 109 österreichischen Gerechten unter den Völkern in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel. Bis er zu dieser Anerkennung kam, hat es gedauert, aber heutzutage gilt er als einer der Fixsterne des militärischen Widerstands gegen die Nazis. Ort des Geschehens ist ebenso Vilnius im Zweiten Weltkrieg. Dort stellte er eine Art Gegenpol zu Murer dar und konterkarierte mit bescheidenen Mitteln das Programm der Judenvernichtung. Es ist aber nicht wahrscheinlich , dass er es als direkten Widerstand gegen Murer aufgefasst hatte. Ob sich die beiden je zu Gesicht bekamen, weiß man nicht. Die Leserin und der Leser mögen an dieser Stelle gestatten, dass der Verfasser hier – aus gutem Grund – ein wenig seinem autobiographischen Weg folgt, auf dem er unseren Helden „kennengelernt“ hat:

Es war Mitte der 80er Jahre als ich zum ersten mal mit dem Thema „Vilniuser Ghetto“ konfrontiert worden bin. Das war in Salzburg, wo ich mich gerade zum Studium aufhielt, in einer Kellerbühne in der sog. Vorstadt, der Elisabethbühne . Diese Bühne hat sich inzwischen zu einem veritablen Profi-Theaterbetrieb entwickelt, dem Schauspielhaus Salzburg Petersbrunnhof, doch zunächst lebte die Bühne von Theaterenthusiasten, die oft tagsüber einem „bürgerlichen“ Beruf nachgingen und abends auf der Bühne standen. Die Elisabethbühne hat sich ohne Zweifel große Verdienste um die Salzburger Schauspielszene erworben und betrieb, um ein entsprechendes Niveau zu gewährleisten, auch eine kleine Schauspielschule. „Bergdoktor“ und „Tatort-Kommissar“ Harald Krassnitzer hat an der Elisabethbühne sein Handwerk gelernt und auch der langjährige Mime des Wiener Burgtheaters Branko Samorowski sammelte dort erste Bühnenerfahrung.

1986 brachte nun dieses Theater Joshua Sobols neues Stück „Ghetto“ auf die Bühne. Die Aufführung war eine Wucht, die mich voll getroffen hat. Sobol verdichtet (in einem doppelten Sinne) in diesem Stück die Ereignisse in dem von den Nazis eingerichteten Juden-Ghetto in Vilnius. Und obwohl es dabei nicht unwesentlich um Murers Terror gegen die Ghettobewohner geht, spielt Murer in dem Stück keine Rolle. Sobol hatte Murer und seinen Nachfolger als Ghettokommandant Bruno Kittel in eine einzige Bühnenfigur zusammengeschmolzen, die dann eben, nicht ganz unlogisch, unter Kittels Namen läuft.

Murer hatte tatsächlich seinen Posten in Vilnius freiwillig geräumt, um sich an die Front zu melden und wurde durch den Gestapomann und Musiker Kittel ersetzt, dem schließlich die Aufgabe zufiel, das Ghetto zu liquidieren. Geradezu symptomatisch wirkt es dabei, dass der Berliner Quadriga Verlag J. Severin, der 1984 das Stück zusammen mit Materialien nach der Fassung des Litag Theaterverlages verlegt hatte, Murer konsequent unter dem Namen „Maurer“ führt. Murer als der Nicht-Existente, der nirgends dabei war, so wie er sich eben im Grazer Prozess 1963 auch verteidigt hatte.

Nun hatte man in der Elisabethbühne den glücklichen Einfall, Sobols „Ghetto“ am Schauplatz seines Geschehens aufführen zu wollen, nämlich am (ehemaligen) Ghetto-Theater im damals noch sowjetischen Vilnius. Keine ganz einfache Angelegenheit. Aber da sich Gorbatschows Perestroika auf ihrem Höhepunkt befand und man in Salzburg einerseits gute Beziehungen in die Sowjetrepublik Litauen unterhielt und andererseits auch Kontakte zum Moskauer Künstlertheater bestanden, ließ sich die Sache doch einfädeln und die Elisabethbühne machte sich 1988 auf den Weg nach Vilnius. Damit dürfte sie die erste „westliche“ Theatergruppe gewesen sein, die in Vilnius aufgetreten ist.

Ein solches Stück in der Sowjetunion aufzuführen, war schon deswegen eine heikle Sache, weil dort bis dahin die Sprachregelung gegolten hat, dass die Nazis in Vilnius Sowjetbürger ermordet hatten und nicht unbedingt Juden. Es ist daher keine Übertreibung, den Auftritt der Elisabethbühne in Vilnius als historisch zu bezeichnen: Nicht nur, weil sie dieses Stück am Ort des Geschehens auf die Bühne brachte, sondern natürlich auch weil die Schauspieltruppe aus der erweiterten Heimat von Franz Murer stammte und zum Dritten, weil sie damit Vilnius mit einem Thema konfrontierte, auf das man in Litauen nicht vorbereitet war, nämlich der eigenen Verstrickung in den Holocaust.

So wurde die Aufführung der Elisabethbühne in Vilnius zu einer Art „Ausnahmezustand“, in dem alle Beteiligten aus Zeit und Raum herausgehoben wurden. Die Schauspieler der Elisabethbühne gaben damit den Opfern und Überlebenden, von denen viele im Publikum saßen, symbolisch jene Wahrnehmung zurück, die ihnen bis dahin versagt geblieben war, damals als Menschen im Ghetto, aber vor allem auch nach dem Krieg, als diese Wahrnehmung von verschiedener Seite blockiert worden war, etwa durch den Murer-Prozess. Eine Zeugin von damals erinnert sich: „Die Schauspieler waren sich in jedem Moment der Tatsache bewusst, dass dieser Abend über das Spielen einer Vorstellung bei weitem hinausging. Nicht nur das Publikum war ergriffen – die Darsteller waren es gleichermaßen. Als die Vorstellung zu Ende war….Stille …dann erhob sich im Zuschauerraum ein Mann, nahm seine Violine auf und spielte eine kleine, traurige Melodie. Danach lagen sich die Menschen weinend in den Armen. Jeder der Schauspieler wusste, dass er niemals mehr einen Abend erleben würde, so dicht, so von Liebe getragen.“

Die eigene Verstrickung in den Holocaust anzuerkennen, war auch im postsowjetischen Litauen zunächst nur schwer möglich und ist natürlich heutzutage kein abgeschlossener Prozess. Um daher in der litauischen Gesellschaft überhaupt erst mal eine Debatte über den Holocaust in Gang zu bringen, brachte der litauische Regisseur Audrius Juzenas 2006 eine Verfilmung von Sobols „Ghetto“ heraus, was man schon als mutigen Schritt bezeichnen konnte. Der Film bekam zurecht einiges an internationaler Aufmerksamkeit, aber, offen gesagt, das Theatererlebnis kann er nicht ersetzen.

Dank der Elisabethbühne war bei mir also ein Grundstein für das Interesse an der Geschichte des Vilniuser Ghettos gelegt. Bis ich allerdings auf diesem aufbaute, dauerte es. 1998 lernte ich Vilnius kennen und stand damit erstmals auf dem Boden, auf dem sich diese von dem NS-System angerichtete Geschichte zugetragen hat. Die gewisse Schizophrenie der Szenerie sprang sofort ins Auge: jene heute noch erhaltenen Teile des sog. Kleinen Ghettos, das nur kurz, dafür aber um so blutiger existierte, bilden einige der lauschigsten und intimsten Ecken der Vilniuser Altstadt. Die Tragödie ist Schönheit und Stil gewichen. Es fällt schwer, an einem solchen Ort Geschichte und Gegenwart zusammenzubringen.

Von da an entfaltete sich vor mir langsam die Geschichte des Ghettos und einer der ersten Namen, die ich dabei kennenlernte, war der des Abba Kovner. Abba Kovner ist sozusagen eine Heiligenfigur der Ghettogeschichte des II. Weltkrieges. Er wurde im Vilniuser Ghetto zum Widerstandskämpfer und überlebte später den Holocaust als Partisanenführer in den litauischen Wäldern. Es war Kovner, der den Aufruf verfasste, dass sich die Juden nicht wie Schafe zur Schlachtbank führen lassen, sondern (bewaffneten) Widerstand leisten sollen. Dass dieser Aufruf dann im Warschauer als auch in anderen im Osten gelegenen Ghettos gehört und in bewaffnete Aufstände umgesetzt wurde, in Vilnius der Aufstand jedoch ausblieb, ist eine andere Geschichte. Nach dem Krieg versuchte sich Kovner als Rächer an den Nazis, mit mäßigem „Erfolg“ und wurde schließlich in Israel Schriftsteller und Vorsitzender des israelischen Schriftstellerverbandes.

Aus den wenigen biographischen Anhaltspunkten, die ich damals über Kovner hatte, schloss ich, dass er über seine Zeit im Ghetto ein Buch geschrieben haben müsse, und machte mich auf die Suche danach. Fündig wurde ich nicht und gab daher die Suche auf. Es ist nur wenig übertrieben, zu behaupten, dass mir dann das gesuchte Buch eines Tages fast schon sprichwörtlich aus heiterem Himmel in die Hände gefallen ist. Ich musste mich sozusagen nur an die richtige Stelle begeben, um es aufzufangen. Allerdings, das Buch wich in einer wichtigen Hinsicht von den Erwartungen ab: es war nicht von Kovner, sondern von einem gewissen Rich Cohen verfasst. Kovner selbst hat offenbar kein entsprechendes Werk geschrieben.

Dieser Rich Cohen ist US-Amerikaner. Als Jugendlicher besuchte er mit seinen Eltern 1977 zum ersten mal eine Verwandte in Israel, von der man zuvor geglaubt hatte, dass sie im Holocaust umgekommen sei. Die Verwandte hieß Ruzka Korczak. Sie war im Vilniuser Ghetto im Widerstand gewesen und eine enge Vertraute Kovners. Ruzka ermöglichte Cohen einen Zugang zu Kovner. Dieser erzählte Cohen schließlich im Laufe der Jahre seine Geschichte und dadurch angeregt, begannen auch andere überlebende jüdische Kämpfer über ihre Erlebnisse zu sprechen. Allen voran Kovners Frau Vitka und natürlich Ruzka selbst. Cohen hörte damit eine Geschichte des Holocaust, die er bis dahin nicht kannte und auch nicht für möglich gehalten hatte. Cohen bereiste schließlich auch Litauen, um dort mit Überlebenden zu sprechen. Alles was er gehört hatte, schrieb er nieder und daraus entstand dieses Buch: Nachtmarsch (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2000).

Nachtmarsch ist sicher eines der spannendsten Bücher, das ich gelesen habe. Es beschreibt das Leben, Handeln und Überleben Abba Kovners und seiner Gruppe zuerst im Vilniuser Ghetto und anschließend in den nahen Wäldern als Partisanen, sowie den Versuch des Überlebenden Kovner mit dieser Lebensgeschichte klarzukommen. Es ist eine Erzählung über ein Leben unter extrem extremen Bedingungen.

Beim Lesen prägte sich mir diese Szene ein: „Eines Tages schritt ein deutscher Offizier in einem langen grauen Mantel und kniehohen Stiefeln durch das Ghettotor. Deutsche hatten üblicherweise keinen Zugang zum Ghetto, nicht einmal hochrangige Offiziere….“

Da tritt er jetzt also in unser Blickfeld: unser gesuchter Held, der Gegenpol Murers, von dem man wahrlich sagen kann: ein Gerechter. „Sein Gesicht“, schreibt Cohen weiter, „war hart, kantig und verbissen. Er packte einen jungen Mann am Kragen. ‘Bring mich zu Abba Kovner‘, fuhr er ihn an….“ Kovner, so Cohen, sei zunächst unschlüssig gewesen, ob er sich dem Offizier stellen sollte, doch dann ging er zu ihm hinaus auf die Straße: „Ich bin Anton Schmid“, sagte der Offizier zu Kovner, „von der verfluchten deutschen Wehrmacht“.

Ich bin Anton Schmid. Dieser Aussage versuchen wir uns jetzt anzunähern. Wer ist dieser Anton Schmid?

Dass der oben von Cohen beschriebene Auftritt Schmids im Ghetto tatsächlich so stattgefunden hat, kann man so ziemlich ausschließen. Erstens aus dem Grund, den Cohen selbst angibt, nämlich, dass auch deutsche Wehrmachtsoffiziere normalerweise keinen Zutritt zum Ghetto hatten und zweitens entsprach das hier beschriebene Vorgehen nicht dem konspirativen Verhalten, das Schmid als Widerstand Leistender an den Tag legen musste. Außerdem war Schmid kein Offizier, sondern als Feldwebel Unteroffizier. Diese von Cohen beschriebene Episode ist also mit Sicherheit Teil der reichen Legendenbildung rund um die Person Schmids. Ob sie Cohen so erzählt wurde, oder ob er diese Geschichte selbst so in Szene gesetzt hat, weiß nur er selbst.

Bereits Simon Wiesenthal brachte, inspiriert durch Erzählungen Überlebender, Geschichten über Schmid in Umlauf, nach denen sich dieser immer wieder ins Ghetto begeben habe, um etwa Lebensmittel hineinzuschmuggeln. Nur, es kann nicht stimmen, denn Schmid hätte zum Betreten des Ghettos eine Sondergenehmigung besitzen müssen, die er aber nicht hatte. Gleichzeitig weist aber eine solche Legendenbildung über Schmid daraufhin, dass dieser für die Ghettobewohner, die ihn in den meisten Fällen gar nicht kennen konnten, tatsächlich – auch im Nachhinein – zu einem Hoffnungsengel geworden ist. Der zuvor wiedergegebene Abschnitt aus Nachtmarsch ist daher auch ein Hinweis darauf, dass das Buch Cohens historisch gesehen nicht wasserdicht ist. Die Erzählweise Cohens lässt darauf schließen, dass es Cohen möglicherweise gar nicht um eine historisch exakte Darstellung gegangen ist, sondern vielleicht eher darum, den Leser mit in diese emotionale Ausnahmesituation zu nehmen, in der seine Protagonisten gestanden haben.

Wer also ist Anton Schmid abseits solcher Legendenbildung?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, da die Quellenlage über Schmid äußerst dürftig ist und wir uns hauptsächlich auf die Aussagen von Zeugen stützen müssen. Dieser Umstand hat die Legendenbildung befördert und Schmid zu einer Art Superhero gemacht, was aber den Blick auf die eigentliche Person behindert.

Schmid ist wie Franz Murer Österreicher, stammt allerdings nicht aus der Nazi-durchdrungenen Obersteiermark, sondern aus Wien. Das ist auch ein Teil der Prägung Schmids. A echt´s Weana Kind sei er gewesen, sagt ein Zeuge. Das bedeutet zumeist: Man stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Schmids Vater Johann ist Bäckergehilfe. Seine Mutter Anna, eine gelernte Kleidermacherin, gebärt ihn am 9. Januar des Jahres 1900. Ort des Geschehens ist die Hauptstraße 77 im III. Wiener Gemeindebezirk. Hier im III. Bezirk wird der kleine Anton auch katholisch getauft: in der Pfarrkirche St. Rochus und Sebastian.

Das war‘ s dann auch schon, was wir über Schmids frühes Erdenleben wissen.

Im Oktober 1914 werden Schmids Spuren allerdings wieder fassbar. Er tritt als Telegraphenjunge in die Wiener Telegraphenzentralstation ein und macht schließlich bei verschiedenen Poststellen „Karriere“: Vom Jungboten steigt er zum ständigen Aushilfsdiener auf. Nachdem er 18 Jahre alt geworden ist, wird der junge Schmid noch in den Krieg geschickt. An der italienischen Front macht er schwere Kämpfe mit, bevor sich die österreichische Armee zurückziehen muss. Ende Dezember 1918 ist er von seinem „Ausflug“ bereits wieder zurück im Postamt. Im Juni1919 scheidet Schmid auf eigenen Wunsch aus dem Postdienst aus und damit verlieren sich seine Spuren wieder weitgehend. Bis 1926. Da taucht er bei der Wiener Gewerbebehörde und der Wirtschaftskammer auf, um das Gewerbe des „Handels mit technischen und elektrotechnischen Bedarfsgegenständen“ anzumelden. In der Zwischenzeit hat Schmid eine Tochter gezeugt, geheiratet und offenbar eine Ausbildung im elektrotechnischen Bereich gemacht.

Schmid eröffnet im XX. Bezirk in Wien, in der Brigittenau, ein kleines Geschäft, in dem er Radios, elektrische Kleinteile und Fotoapparate verkauft, Radios und elektrische Hausanlagen auch repariert und Filme entwickelt. Ende der dreißiger Jahre hat Schmid drei Angestellte, zwei davon sind Juden. Schmid, so wird später seine Frau sagen, sei ein in guten Verhältnissen lebender Mann gewesen. Durch seine Heiterkeit habe er viele Freunde gehabt und sei in der ganzen Umgebung beliebt gewesen.

Ein späterer Vertrauter in Vilnius beschreibt ihn so: schlank und hochgewachsen, mit braunen Haaren, einem Schnurrbart, der ihm eine Ähnlichkeit mit Hitler verlieh, ein Sportstyp, der Wein Weib und Gesang liebte. Schmid habe damals, 1941, bereits vereinzelte graue Haare gehabt und oft wie ein Fünfzigjähriger ausgesehen. Er sei ein schlichter und treuherziger Mann gewesen, gesellschaftlich ungeschickt, im Reden und Denken einförmig. Er habe keine Zeitungen gelesen und keine Bücher, er sei kein Philosoph gewesen, kein geistiger Mensch und auch kein religiöser.

Das scheint nicht gerade die Beschreibung zu sein, die auf einen typischen Helden passt, doch besitzt Schmid einige hervorragende Eigenschaften. In einem sind sich alle Zeugen einig: Sein wichtigster Charakterzug sei seine Menschlichkeit. Und daneben auch sein Mut. Schmid beschreibt sich selbst als einer, der ein weiches Herz habe, und eher nach dem Gefühl handle, als nach einer rationalen Analyse der Situation. Weiters erzählt der oben zitierte Vertraute, Schmid sei sowohl Monarchist als auch Sozialdemokrat gewesen. Und, auch wenn es der hier zitierte Zeuge anders sieht, z. B.  aus Schmids Briefen lässt sich eine christliche Verwurzelung erkennen.

Diese Mischung an Persönlichkeitseigenschaften Schmids ist wohl die Grundlage dafür, dass Schmid nach dem „Anschluss“ den Charakter des nationalsozialistischen Regimes schnell durchschaut hat und bereit gewesen ist, den Opfern des Systems Hilfe zu leisten. Sein Widerstand ist vermutlich in erster Linie nicht politisch motiviert gewesen, sondern hat sich aus der Solidarität mit den Verfolgten ergeben. Schmid, der mit den Juden in seinem Viertel immer in bestem Einvernehmen gelebt hat, versteht rasch, dass seine jüdischen Mitbürger nach dem „Anschluss“ in Gefahr sind. Daher unterstützt er sie tatkräftig dabei, sich über die grüne Grenze in die Tschechoslowakei abzusetzen. Seine Frau meinte später dazu, sie habe erst gar nicht versucht, ihn davon abzuhalten, weil es sowieso zwecklos gewesen wäre. Wäre man Schmid damals auf die Schliche gekommen, wäre er zwar als „Judenfreund“ gebrandmarkt gewesen, juristische Konsequenzen hätte es wahrscheinlich aber zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben. Trotzdem ist dieses Verhalten Schmids außerordentlich, wenn man bedenkt, mit welch fest verschlossenen Augen die meisten Österreicher in die Nazizeit eingetreten – und viele auch wieder herausgekommen sind.

Kurz vor Kriegsbeginn wird Schmid zur Wehrmacht eingezogen. Er ist damals knapp 40 Jahre alt, zu alt, um noch an die Front geschickt zu werden. Für Sicherungsdienste im Hinterland ist er aber geeignet. Anfang 1940 ist er in Südostpolen, in der Stadt Stalowa Wola stationiert. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wird Schmid in das im österreichischen Burgenland neu aufgestellte Landesschützenbataillon 898 versetzt, das in die 221. Sicherungsdivision eingegliedert wird. Schmid hat den Rang eines Feldwebel. Die 221. wird Mitte Juli 1941 in den Raum Białystok in Ostpolen verlegt, wo sie zur Sicherung der Infrastruktur abgestellt ist. Zuvor und um diese Zeit sind im Raum und Großraum Białystok Judenerschießungen gelaufen. Inwieweit man das in den Reihen der 221. mitbekommen hat, lässt sich nicht beantworten. Allerdings war die Einheit Schmids an einer Aktion beteiligt, die insbesondere jüdische Geiseln nehmen sollte, die im Falle von Unruhestiftung zu erschießen wären. Anfang August kommt das Landesschützenbataillon 898 in die weißrussische Stadt Slonim (zum Kriegsverlauf bei Białystok und Slonim siehe dazu auch den Artikel Brücken und Gräben Teil 3). Während dieser Zeit findet eine große Mordaktion an Juden aus dem Raum Slonim statt. Die Opfer sind zunächst am Stadtplatz zusammengetrieben und dann mit Lastwagen zu den Erschießungsstätten gefahren worden. Es ist also durchaus möglich, dass Schmid bereits damals von dem Morden an den Juden Kenntnis bekommen hat.

Ende August wird Schmids Einheit, das Landesschützenbataillon 898, aus der 221. Sicherungsdivision herausgelöst und in das litauische Vilnius – damals Wilna – verlegt. Wilna ist in der Zwischenkriegszeit als Wilno polnisches Staatsgebiet gewesen, Mitte des Jahres 1940 ist Wilna bzw. Litauen gewaltsam von Moskau in die Sowjetunion eingegliedert worden. Polen und Juden stellen den überwiegenden Teil der Bevölkerung der Stadt.

Anfang/Mitte September 1941 trifft Schmid in Wilna ein. Dort bekommt er den Befehl, eine Dienststelle für versprengte Soldaten einzurichten. Die Dienststelle zieht in ein Gebäude in der Eisenbahnstraße 15, das direkt gegenüber dem Hauptbahnhof liegt. Von seinem Büro aus sieht der Dienststellenleiter Schmid auf das Bahnhofsgelände hinüber. Diese Versprengten-Sammelstelle hat die Aufgabe, im Hinterland umherirrende deutsche Soldaten, die ihre Einheiten verloren oder verlassen hatten und aufgegriffen worden sind, zu verhören und anschließend an die Front in Marsch zu setzten. Schmids Dienststelle ist eine von zig Dienststellen der Wehrmacht, die der Feldkommandantur Wilna unterstehen und daneben auch Juden als Zwangsarbeiter beschäftigen. Die Versprengten-Sammelstelle ist allerdings eine kleine und unbedeutende Abteilung in der Besatzungsstruktur und wird dementsprechend wenig beachtet. Das verschafft dem Feldwebel Schmid gewisse Handlungsspielräume.

Als Schmid in Wilna eintrifft, ist die Terrorpolitik der Deutschen gegen die Juden vor Ort bereits in vollem Gange. In den ersten Wochen steht die Stadt noch unter der Verwaltung der Wehrmacht, die die Maßnahmen gegen die Juden mit der SS koordiniert. Ende Juli, Anfang August treffen die Vertreter der Zivilverwaltung in Wilna ein, an ihrer Spitze der SA-Mann Hans Christian Hingst. Franz Murer wird sein Adjutant und übernimmt unter anderem die Juden-Kompetenzen. Mit von der Partie ist ein weiterer Österreicher, der Kärntner Heinrich Lackner, der als Stabsleiter die Bereiche Verwaltung und Politik leitet. In der nahen weißrussischen Stadt Lida, sitzt übrigens auch ein Österreicher in der Zivilverwaltung, Leopold Windisch, der dort eine ähnliche Rolle spielt wie Murer in Wilna und dafür dann 1969 vor einem Mainzer Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt wird.

Als sich die Zivilverwaltung in Wilna einrichtet und ihre Arbeit aufnimmt, hat die SS und ihre litauischen Helfer bereits mehr als 7000 jüdische Bürger der Stadt ermordet. Schauplatz der Erschießungen ist in der Regel ein vor den Toren von Wilna gelegenes Waldgebiet beim Dörfchen Ponary, litauisch Paneriai. Dort hat zuvor die Sowjetarmee große Gruben ausgehoben, um in diesen ein Tanklager einzurichten. Dazu ist es nicht mehr gekommen und die im Wald versteckten Gruben erweisen sich jetzt für die Deutschen als idealer Exekutionsort. Das Morden wird von Deutschen und litauischen Freiwilligen kooperativ in Szene gesetzt. Bis zur Rückeroberung von Wilna durch die Sowjetarmee im Sommer 1944 werden dort etwa 72.000 Menschen erschossen, zum Großteil Juden, dazu aber auch viele sowjetische Kriegsgefangene, Polen, Roma und unbotmäßige Litauer.

Die Todgeweihten werden oft am Wilnaer Hauptbahnhof in Züge verladen und so zur Hinrichtungsstätte transportiert. Schmid beobachtet diese Vorgänge von seiner Dienststelle aus und kann das Gesehene aufgrund der Informationen, die ihm inzwischen zugefallen sind, auch richtig einordnen. Den betroffenen Juden hat man zuvor gesagt, dass sie an andere Orte zur Arbeit umgesiedelt werden. Die Menschen haben diese Erklärung akzeptiert. Aber dann ist es einer handvoll Mädchen und Frauen gelungen, nur angeschossen aus den Leichen-Gruben von Ponary zu entkommen und nach Wilna zurückzukehren. Ihre Schilderungen werden zunächst von den Juden nicht geglaubt, zu unfassbar ist das, was sie zu erzählen haben. Der behandelnde jüdische Arzt zieht jedoch Abba Kovner ins Vertrauen, der die Erzählungen sofort ernst nimmt. Kovner leitet daraus den Auftrag zum Widerstand ab und verfasst schließlich das schon oben angesprochene Manifest mit der Aufforderung, sich nicht wie Schafe zur Schlachtbank führen zu lassen. Kovner macht sich damit aber im Ghetto nicht unbedingt Freunde. Ghettovorsitzender Jacob Gens setzt auf Rettung durch Arbeit und geht dazu einen Bund mit dem Teufel ein. Lange Zeit scheint das auch zu funktionieren. Nachdem die Deutschen die Zahl der Ghettobewohner insbesondere in zwei großen Tötungswellen von ursprünglich etwa 40.000 auf offiziell etwa 15.000 reduziert hatten, hat sich das Ghetto stabilisiert und die Bewohner können vergleichsweise „sicher“ die nächste Zeit überleben, abgesehen von der Willkürherrschaft die Murer, die SS und litauische Schergen im Ghetto ausüben.

Die Wehrmacht hat teils massiven Widerspruch gegen die gesamte Ausrottung der jüdischen Bevölkerung eingelegt. Die SS-Führer beschweren sich zwar darüber, nicht alle Juden ermorden zu können, aber die Kriegslage an der Ostfront hatte sich für Deutschland gegen Jahresende 1941 derart verschlechtert, dass sich die Wehrmacht mit ihrer Argumentation durchsetzen kann (zum Kriegsverlauf siehe dazu den Artikel Brücken und Gräben Teil 3). Es geht schlicht darum, dass kriegswichtige Arbeit für den Nachschub und die Infrastruktur an der Ostfront geleistet werden muss und dazu kann man die jüdische Bevölkerung gut gebrauchen.

Gleichzeitig gibt es aber in Wilna gleich eine Handvoll Wehrmachtsangehöriger, die aus humanistischen Erwägungen heraus das Leben von Juden zu schützen versucht. Da ist zum Beispiel Major Karl Plagge, oder auch Oberzahlmeister Oskar Schönbrunner, der Gefreite Alfons von Deschwanden, und Kriegspfarrer Huck. Sowie Anton Schmid.

Plagge ist Kommandeur des Heereskraftfahrparks in Wilna und steht damit einer großen Reparaturwerkstätte vor, in der er vor allem jüdische Arbeiter beschäftigt, um sie so vor der Vernichtung durch die SS zu schützen. Gleichzeitig kümmert er sich um eine gute Versorgung dieser Arbeiter und lässt vertrauliche Informationen über bevorstehende Mordaktionen durchsickern. Eine Besonderheit dieser Situation ist es gewesen, dass gleich mehrere seiner untergebenen Kameraden Plagges Handeln als Judenhilfe durchschaut, ihn aber nicht verraten haben. Der Gefreite von Deschwanden arbeitet in Plagges Dienststelle und solidarisiert sich mit seinen jüdischen Untergebenen, was schließlich darin gipfelt, dass er einer Gruppe flüchtender Juden seiner Dienststelle nicht nachschießt, obwohl er dazu verpflichtet gewesen wäre.  Oskar Schönbrunner, dem unter anderem eine Schneiderwerkstatt untersteht, agiert ähnlich wie Plagge, führt dann aber noch eine Art Handstreich aus, als die SS 150 Beschäftigte der Feldkommandantur zusammengefangen hat, um sie zum Transport nach Ponary vorzubereiten. Schönbrunner geht zum Gefängnis und wartet mit der erfundenen Behauptung auf, eine Genehmigung des Chefs der Sicherheitspolizei dafür zu haben, diese „seine“ kriegswichtigen Arbeiter wieder zurückzubekommen. Auf diese Art kann er 150 Menschen auslösen. Er stellt ihnen sogleich Facharbeiterausweise aus, die sie vorläufig vor der Vernichtung schützen. Seine Vorgesetzten bekommen von der Aktion Kenntnis, aber der Chef der Feldkommandantur beschließt, nichts davon zu wissen.

Diese Handlungen von Wehrmachtsangehörigen zum Schutz der Juden sind allerdings die Taten Einzelner gewesen, die sie, auf sich allein gestellt, umgesetzt haben. Es hat wahrscheinlich keinen Kontakt unter diesen Judenrettern gegeben(mit Ausnahme Plagges und Deschwandens) und man hat sich daher auch nicht koordiniert. Zu dieser Zeit sind in Wilna etwa 4.000 Wehrmachtsangehörige stationiert.

Als Feldwebel Schmid in Wilna ankommt, ist in der Stadt eben zuvor ein großer Umbruch vor sich gegangen. Franz Murer hat in Zusammenarbeit mit der Gestapo die Ghettoisierung der Wilnaer jüdischen Bevölkerung umgesetzt. Das Ghetto wird im Stadtzentrum angelegt, in den alten Ansiedlungsvierteln der jüdischen Bevölkerung in Wilna. Wilna wird oft auch als das „Jerusalem des Nordens (bzw. des Ostens)“ bezeichnet. Diese Bezeichnung hat nicht nur damit zu tun, dass die jüdische Bevölkerung das Stadtbild wesentlich geprägt hat, sondern vor allem damit, dass das alte Wilna ein oder sogar das geistige Zentrum des Ostjudentum darstellt. Da wo jetzt ein Teil des Ghettos entsteht, sind die Gelehrtenstuben großer Vordenker des Ostjudentum gelegen, sowie wichtige Einrichtungen der Wilnaer Juden. Das Ghetto wird in zwei Teilen gebildet, dem Kleinen, das im älteren Stadtteil liegt und dem Großen, das stadtauswärts anschließt. Beide Ghettos werden durch eine Straße getrennt, die sinnigerweise Deutsche Straße heißt. Die Deutsche Straße war bis vor dem Krieg der Mittelpunkt des jüdischen Geschäfts- und Ladenviertels. In beide Ghettoteile, die jeweils nur einige Straßenzüge groß sind, werden jetzt fast 40.000 jüdische Bürger Wilnas hineingestopft. Dazu muss das Viertel zunächst aber einmal leer geräumt werden: die polnischen und litauischen Einwohner werden in andere Stadtteile umgesiedelt, die angestammte jüdische Bevölkerung wird dagegen nach Ponary gebracht und erschossen.

Im kleinen Ghetto werden sukzessive diejenigen Juden angesammelt, die man nicht zum Arbeiten brauchen kann: Männer ohne Arbeitserlaubnis mit ihren Familien, Alte, Kranke und Waisenkinder. Dass kleine Ghetto existiert nur kurz, ganze 49 Tage lang. In mehreren Mordwellen wird das Viertel von seinen Bewohnern geleert, am 21. Oktober 1941 ist endgültig Schluss. Solcherart Vorgänge bleiben niemanden verborgen und wer nicht die Augen verschlossen hat, kann sich darauf einen Reim machen…

Einen solchen Reim hat sich Anton Schmid offensichtlich gemacht. Denn als er zufällig in Kontakt mit einem jüdischen Verfolgten kommt, beschließt er spontan, zu helfen: Max Salinger, ein aus Polen stammender junger Mann, spricht fließend Deutsch, sodass Schmid auf die Idee kommt ihn zu „arisieren“. Er besorgt ihm die Identität des gefallenen Soldaten Max Huppert, zieht ihm eine Wehrmachtsuniform an und beschäftigt ihn in der Folge als Schreibkraft in der Versprengten-Sammelstelle. Salinger macht in seiner neuen Rolle offenbar eine passable Figur, sodass nicht einmal die engsten Vertrauten Schmids ahnen, wer hinter dem preußisch-zackig auftretenden Gefreiten Huppert tatsächlich steckt.

Ähnlich geht es der jungen jüdischen Litauerin Luisa Emaitisaite. Als es im Ghetto zu einer großen Razzia kommt, versteckt sie sich in der Stadt, findet allerdings abends vor Torschluss nicht mehr rechtzeitig zurück. Sie sucht daher in einer dunklen Ecke der Stadt Schutz, doch ihre Anwesenheit auf der Straße bringt sie in Gefahr. Da kommt in der Dunkelheit ein einsamer, rauchender Wehrmachtsangehöriger des Weges. Luisa wendet sich spontan an den Mann und bittet ihn, ihr zu helfen. Luisa hat Glück. Der Wehrmachtsangehörige ist Anton Schmid, der sich, wie so oft, zu später Stunde auf dem Nachhauseweg befindet. Schmid erkennt die Notlage der jungen Frau und nimmt sie mit in die Wohnung in seiner Dienststelle. Dort bleibt sie auch in den nächsten Tagen versteckt, da im Ghetto immer noch Razzien laufen.  Schmid hat dann die Idee, ihr ebenfalls eine neue Identität zu verschaffen und sie in seiner Dienststelle als Sekretärin zu beschäftigen. Luisa ist wie perfekt für diesen Job geschaffen, sie kann mehrere Sprachen, Schreibmaschinenschreiben und Stenographieren. Luisa hängt sich also in Schmids Arm ein und die beiden schreiten mutig zu dem nicht weit entfernten Karmeliterkloster beim Heiligtum – siehe dazu den Artikel Die Muttergottes und der Osten – des Ostra Brama Stadttors (auch „Tor der Morgenröte“ genannt). Luisa ist da bei Gott nicht wohl zumute, aber der Abt des Klosters Andreas Gdowski, der eine Zeit lang auch in Österreich gelebt hat, spielt mit. Er stellt Luisa eine Bescheinigung aus, dass es sich bei ihr um eine polnische Katholikin handelt.

Mit dieser Bescheinigung ausgestattet müssen Schmid und Luisa Emaitisaite jetzt einige bürokratische Hürden meistern, um ihre neue Existenz auch offiziell zu machen. Gleich auf dem ersten Amt, dem litauischen Arbeitsamt, scheint Schmids Vorhaben aber zu platzen. Der diensttuende Beamte hat Zweifel und ziert sich. Als Schmid aber bedeutungsvoll seine Dienstpistole auf das Schalterbrett legt, bekommt er die gewünschte Arbeitserlaubnis. Am Wohnungsamt, auf der Ausweisstelle und am Meldeamt funktioniert alles klaglos. Auch die Vermieterin des Einzelzimmers für Luisa hat nichts gegen ihre neue Mitbewohnerin einzuwenden. Innerhalb weniger Stunden ist die „Umetikettierung“ Luisas über die Bühne gegangen. Die Autorität der Wehrmachtsuniform und Schmids bestimmtes Auftreten machen es möglich.

Max Salinger und wahrscheinlich auch Luisa Emaitisaite halten die Tarnung bis Kriegsende durch, überleben mitten im Hexenkessel und machen dabei wohl die Erfahrung, dass bei den Leuten die eigene Vorstellung von der Wirklichkeit wichtiger ist, als die Wirklichkeit selbst.

Dann taucht noch jemand bei Schmid auf, der ihn auf Hilfe anspricht: der aus Nürnberg stammende Hermann Adler. Wegen seines jüdischen Glaubens ist Adler vor den Nazis Richtung Osten geflohen, in Wilna ist dann allerdings Endstation. Auf der Flucht lernt Adler die aus Wien stammende, angehende Opernsängerin Anita Distler kennen. Bald später heiraten sie in Wilna. Dass Adler aber seine Ehe dann auch noch erleben darf, verdankt er einem Zufall. Der oben einmal erwähnte deutsche evangelische Kriegspfarrer Huck benötigt Arbeiter für seine Kirche in Wilna und löst diese in rauem Befehlston aus einer Kolonne Juden heraus, die von litauischen Schergen gerade zur Exekution nach Ponary geführt wird. Einer der 10 derart Geretteten ist Adler. Huck stellt ihm und seiner Frau schließlich eine Arbeitsbescheinigung aus, aus der nicht hervorgeht, dass die Adlers Juden sind.  Für das Ehepaar ist dieser Schein – Schein im doppelten Sinn – Goldes Wert, da sie sich damit außerhalb des Ghettos frei bewegen können. Offenbar über den Ratschlag von Abt Gdowski stoßen sie auf Schmid und sprechen diesen an. Schmid nimmt die beiden in seine Dienstwohnung in der Versprengtensammelstelle auf, wo sie fortan leben und vorläufig in Sicherheit sind. Das Ehepaar Adler wird so für die Nachwelt zur wichtigsten Quelle über Schmid und seine Rettungstätigkeit.

Adler hat ein konkretes Anliegen an Schmid: Er möge dabei helfen, Bewohner des Ghettos zu retten. Das bedeutet konkret, die Betroffenen in andere Ghettos zu übersiedeln. Diese Idee erscheint aus heutiger Sicht als wenig sinnvoll, doch damals wird die Sache anders wahrgenommen. Aus Berichten illegal Reisender hat sich heraushören lassen, dass in anderen Ghettos offenbar kein derart exzessives Morden stattfindet, wie in Wilna und man dort somit sicherer sei. Insbesondere das Warschauer Ghetto gilt allen Problemen zum Trotz als sicher, da die Wilnaer Ghettobewohner sich weigern, das Unvorstellbare zu denken: nämlich, dass die Nazis einmal auf die Idee kommen könnten, alle 500.000 Bewohner des Warschauer Ghettos zu ermorden. Dass die umfassende Vernichtung der Juden generell Programm der Nazis ist und nicht nur eine Wilnaer Besonderheit darstellt, hat übrigens als erster, wohl eher intuitiv, Abba Kovner begriffen.

Schmid lässt sich auf Adlers Vorschlag ein, denn er hat mit solchen Übersiedlungen bereits Erfahrung. Seiner Dienststelle ist nämlich – wie erwähnt – auch eine Werkstatt angegliedert, in der jüdische Arbeiter und russische Kriegsgefangene kriegswichtige Tätigkeiten vollbringen. Schmid hat allerdings wesentlich mehr Arbeiter angestellt, als er tatsächlich brauchen kann. Hermann Adler erzählt, nur ein Drittel von Schmids Arbeiter hätten tatsächlich auch Arbeit gehabt, der große Rest hätte Scheinarbeiten verrichtet. Doch wer bei Schmid arbeitet und somit eine Arbeitsbewilligung besitzt, ist vorläufig vor der Ermordung in Ponary geschützt, meistens zumindest. Schmid muss mehrmals zum Gefängnis gehen, um verhaftete Arbeiter seiner Dienststelle wieder freizubekommen, bevor sie nach Ponary überstellt werden.

Dann aber haben die deutschen Besatzungsbehörden die Idee die Zahl der Arbeitsbewilligungen drastisch einzuschränken. Das bedeutet im Klartext: Wer bei der Verteilung der neuen Arbeitsgenehmigungen leer ausgeht und auch nicht zum entsprechenden familiären Anhang zählt, wird zum Abschuss frei gegeben.  Schmid bekommt nun ganze 15 Arbeitsbewilligungen zugeteilt. Mit den eingerechneten Familienmitgliedern macht das 60 Personen aus. 80 weitere bleiben übrig, die so zu Todeskandidaten werden. Diese bestürmen nun Schmid, sie mit einem LKW, der ihm zur Verfügung steht, nach Lida zu bringen. Schmid sieht sich in der Pflicht, der Bitte nachzukommen. Mehrmals unternimmt er Fahrten nach Lida bzw. Grodno, um die gefährdeten Menschen aus der unmittelbaren Gefahrenzone herauszubringen. Wie viele der so vorläufig Geretteten Holocaust und Krieg dann tatsächlich überlebt haben, weiß niemand. Allzu viele können es nicht gewesen sein. Einige der nach Lida Transportierten werden bald darauf aufgrund eines Verrats erschossen. Es ist auch nicht ganz klar, wie hoch die Zahl der transportierten Juden insgesamt gewesen ist. Hermann Adler schreibt von 300 bis 350, seine Frau Anita spricht dagegen von etwa 100. Schmid hat allerdings auch eine unbekannte Anzahl an Durchlassscheinen für die Verfolgten ausgestellt, die zu Bahnfahrten berechtigten und so einen Ortswechsel ermöglichten.

Mit dem Auftauchen Adlers in der Versprengtensammelstelle bekommt Schmids Hilfestellung in zweifacher Hinsicht eine neue Dimension. Schmid geht nun den Verfolgten zuliebe Risiken ein, die eigentlich nicht mehr zu verantworten sind. Im Gegensatz zu Major Plagge, der versucht, das Risiko kalkulierbar zu halten und sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, um auch Nachhaltigkeit zu erreichen, reagiert Schmid auf die unmittelbaren Anforderungen und kommt den jeweiligen Bitten nach. Diese Bitten kommen jetzt von der sich im Ghetto formierenden Widerstandsbewegung. Schmids Hilfeleistung bekommt damit eine politische Dimension.

Im Ghetto beginnen sich Widerstandsorganisationen herauszubilden, die allerdings ganz unterschiedliche politische Richtungen vertreten. In der Regel handelt es sich dabei um junge Leute, die sich teilweise noch aus der Jugendbewegung der Vorkriegszeit kennen. Allen gemein ist jedoch der Versuch, eine Antwort auf die traumatischen Ereignisse im Vilniuser Ghetto zu finden. Da die Option, sich im Ghetto selbst gegen die Übergriffe und Mordaktionen zu verteidigen, aufgrund der realen Machtverhältnisse ausscheidet, gehen die Überlegungen in zwei Richtungen: die Organisation von Flucht (in andere Ghettos), sowie auf längere Sicht der Aufbau eines bewaffneten Widerstands. Die Frage dabei ist, wie man an Waffen herankommt. Von Schmid kommen sie auf jeden Fall nicht, auch wenn Legenden das Gegenteil behaupten. Angeblich, so wird es zumindest erzählt, werden die ersten Waffen von Mutter Bertranda, der Vorsteherin eines kleinen Dominikanerinnenklosters bei Wilna ins Ghetto geschmuggelt. Abba Kovner sowie einige seiner Leute haben sich zuvor in diesem Kloster versteckt gehalten und Abba hat dort auch seinen Aufruf zum Widerstand niedergeschrieben.

Das Ehepaar Adler knüpft nun Kontakte zwischen dem Widerstand im Ghetto und Schmid. Schmid selbst nimmt von sich aus keinerlei Verbindung zum Ghettowiderstand auf. Die Adlers führen Mitglieder des Widerstands in Schmids Dienststelle, wo sie entweder mit Schmid zusammentreffen, oder auch ohne Schmids Anwesenheit über die Perspektiven des Widerstands im Ghetto diskutieren. Die Meinungen gehen dabei mitunter auseinander und manchmal wird es unter den jungen Leuten aus dem Ghetto auch laut, was nicht gerade der geforderten Konspirativität entspricht.

Die wichtigste Gast in Schmids Dienstwohnung ist Mordechai Tenenbaum, der von den Fluchtfahrten Schmids für seine Arbeiter gehört hat und ihn jetzt bittet, dass selbe auch für Mitglieder des Widerstands im Ghetto und andere zu unternehmen. Tenenbaum ist ein führendes Mitglied des Wilnaer Ghetto-Widerstandes und beschreibt Schmid seinen Mitkämpfern als klugen, bescheidenen und warmherzigen Mann. Tenenbaum ist von dem Gedanken beseelt, den aufkeimenden bewaffneten Widerstand in den östlichen Ghettos im Ghetto von Białystok zu konzentrieren, um dort mit geballter Kraft gegen die Nazis losschlagen zu können. Er kann sich mit diesem Ansinnen zwar nicht durchsetzen, organisiert aber im Ghetto von Wilna die Fluchtfahrten mit Schmids LKW nach Białystok, das man für sicher hält, gegebenenfalls auch nach Lida oder Grodno. Wer auf die Fahrt gehen darf, wird zwischen den verschiedenen Parteivertretern im Ghetto ausverhandelt. Tenenbaum nimmt Zionisten und Antizionisten mit auf die Reise, ebenso wie Linke und Rechte. Auch einige Gelehrte werden für die Fahrten ausgewählt. Tenenbaum selbst besitzt übrigens noch eine zweite Identität und kann damit unabhängig reisen.

Die, die zur Fahrt aufbrechen dürfen, versuchen zunächst das Ghetto zu verlassen, um sich dann in einer Apotheke in der Stadt zu sammeln. Dort werden sie von den Adlers abgeholt und in die Versprengtensammelstelle gebracht. Oft müssen sie dann noch einige Tage in Schmids Dienstwohnung ausharren, bevor sich die Gelegenheit zur Fahrt ergibt. Schmid führt auf den Fahrten auch ein Dokument aus Białystok mit sich, aus dem hervorgeht, dass von dort eine gewisse Anzahl an Juden zur Arbeit angefordert wird. Offenbar kommt Schmid mit diesem Schriftstück durch alle Kontrollen anstandslos durch. Ausgestellt worden ist es von einem befreundeten Wiener Unteroffizier, der in Białystok Dienst tut.

Unter den jungen Leuten aus dem Widerstand, die in Schmids Wohnung kommen, ist einmal auch Vitka Kempner. Kempner ist eine enge Kampfgefährtin von Abba Kovner und wird Mitte des Jahres 1942 den ersten Sabotageanschlag anführen, den Juden im besetzten Europa verüben: In der Nähe von Wilna wird ein vollbesetzter Soldatenzug durch eine Bombe zum Entgleisen gebracht. Es gibt Tote. Die Deutschen nehmen dafür Rache an der polnischen Bevölkerung eines nahe gelegen Ortes, weil sie sich nicht vorstellen können, dass die von ihnen erniedrigten Juden den Anschlag verübt haben könnten. Das Attentat wird aus dem Ghetto heraus ausgeführt. Nach dem Krieg heiraten Abba und Vitka.  Vitka erzählt ihrer Freundin Chaika Grossman über die Begegnung mit Schmid (wahrscheinlich im Dezember 1941): Schmid komme aus Wien und sei ein anständiger Mensch, sagt sie. Er sei intelligent und komme mit den Leuten gut zurecht. Er verfüge über Autos, Papiere und was man sonst noch so brauche…

Unter den jungen Juden hat man also erkannt, dass Schmid für den Aufbau eines Widerstands unerlässlich sein könnte. Chaika Grosman sitzt dann auch bald am Tisch von Schmid und nimmt an den Strategiediskussionen teil. Chaika ist als Kurierin zwischen den Ghettos eingesetzt worden, redet jetzt aber einem bewaffneten Aufstand in Wilna das Wort: Wilna als Zentrum des Ostjudentum könne man doch nicht so einfach den Bach runter gehen lassen, sagt sie. Sie kann daher Schmids Fluchtfahrten nichts abgewinnen, sondern möchte Waffen. Die wird sie aber von Schmid nicht bekommen.

Mordechai Tenenbaum stößt dann an Schmids Tisch die Frage eines Ghettoaufstandes in Warschau an. Schmid hat sich an dieser Diskussion beteiligt, weil er der Ansicht gewesen ist, dass ein jüdischer Widerstand das nationalsozialistische Judenbild widerlegen könnte. Es ist Hermann Adler, der sogar soweit geht, zu sagen, dass es ohne Schmid in Warschau oder Białystok nie einen Ghettoaufstand gegeben hätte. Der kleine Wiener Feldwebel habe Verbindungen geschaffen und Taten ermöglicht, die für die jüdische Geschichte von ewiger Bedeutung sein dürften, meint Adler. Trotz dieser Würdigung gehört es zu den Legenden, dass Schmid Mitglieder des Wilnaer jüdischen Widerstands und damit auch den Widerstands-Aufruf Abba Kovners nach Warschau transportiert hätte und so eine Vernetzung zwischen den Ghettos ermöglicht hätte. Schmids Befugnisse endeten in Białystok. Wenn schon, dann mussten sich von dort illegal reisende Boten selbst einen Weg nach Warschau bahnen.

Schmids Getreue in der Dienststelle, der falsche Gefreite Huppert, die falsche Sekretärin Luisa Emaitisaite, der echte Kraftfahrer Gefreiter Konrad, der möglicherweise auch Fluchtfahrten durchgeführt hat und das Ehepaar Adler sind sich alle des enormen Risikos bewusst, das Schmid mit seinen Fluchtfahrten eingeht. Aber hat Schmid selbst das Risiko richtig eingeschätzt? Ist er sich der Konsequenzen seines Handelns bewusst gewesen? Angeblich soll sogar Tenenbaum Schmid auf das Risiko aufmerksam gemacht haben, aber Schmid habe beschlossen weiterzumachen. Die Rechtslage bezüglich der sog. „Judenbegünstigung“ ist auch keineswegs so eindeutig gewesen, wie man heutzutage landläufig zu wissen meint. Denn für Wehrmachtsangehörige bestanden diesbezüglich keinerlei Vorschriften.

Als Schmid sich gegen Ende Jänner 1942 auf einer Fahrt nach Lida nicht, wie vereinbart, rechtzeitig meldet, wissen seine Vertrauten, was es zu bedeuten hat: Schmid ist aufgeflogen und verhaftet worden. Huppert weckt daraufhin das in Schmids Dienstwohnung schlafende Ehepaar Adler, das unverzüglich seine Sachen packt und sich aus dem Staub macht. Luisa hat den Adlers bereits eine große Szene gemacht, weil sie das Ehepaar dafür für verantwortlich hält, dass Schmid dieses große Risiko eingegangen ist.

Wie es zur Verhaftung gekommen ist, ist unklar. Es existieren verschiedene Versionen darüber. Was an diesen wahr ist, kann nicht gesagt werden. Mit Schmid wird kurzer Prozess gemacht. Am 25. Februar wird er von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt, was Schmid offenbar nicht erwartet hat. Wie der Prozess abgelaufen ist, ist nicht mehr zu ermitteln, da die Akte verlorengegangen sind. Die einzigen Hinweise zum Prozessverlauf kommen wahrscheinlich vom katholischen Kriegspfarrer Kropp, der Schmid in der Folge betreut. Offenbar ist Schmid nicht nur wegen der Fluchthilfe, sondern auch wegen Volks- und Rassenverrats angeklagt worden. Das Todesurteil dürfte sich auf die Argumentation der Feindbegünstigung und des Kriegsverrats gestützt haben. Adler rekonstruiert den Prozessverlauf so, dass Schmids Verteidiger, ein alter Nazi, noch versucht haben soll, dem Angeklagten eine goldene Brücke zu bauen. Er habe behauptet, Schmid habe tatsächlich im guten Glauben gehandelt, dringend gebrauchte Arbeitskräfte nach Białystok zu transportieren. Schmid aber habe diese Brücke nicht betreten. Er habe sich – möglicherweise in Verkennung der Lage – dazu bekannt, dass er den Juden aus humanitären Gründen geholfen habe. Dieses wahrscheinliche Bekenntnis bedeutet für Schmid das Todesurteil  .

Nachdem das Gnadengesuch abgelehnt worden ist, wird Schmid am 13. April 1942 im Hof des Gefängnisses Stefanska (das deutsche Militärgefängnis) in Wilna hingerichtet. Mit ihm werden noch sechs weitere junge Soldaten wegen Fahnenflucht bzw. Feigheit vor dem Feinde erschossen. Schmid hat zuvor noch Abschiedsbriefe an seine Familie geschrieben, den letzten unmittelbar vor der Hinrichtung, in denen er versucht, sein Verhalten zu erklären und um Entschuldigung für das Leid bittet, das er seiner Familie damit bereitet. Einen weiteren Brief erhält die Familie Schmid von Kriegspfarrer Kropp. Schmids letzten Worte, schreibt Kropp, seien das Vaterunser gewesen.

Schmid wird nicht am Deutschen Soldatenfriedhof in Wilna begraben (bzw. wohl eher verscharrt), sondern – laut Kropp – auf dem etwas außerhalb des Stadtzentrums gelegenen Friedhof in Antokol (litauisch Antakalnis), der heutzutage als litauischer (sowie polnischer und ehemals sowjetischer) Heldenfriedhof fungiert. Trotz intensiver Suche hat man später die Grabstelle nicht mehr lokalisieren können. Ein entsprechender Gedenkstein am Friedhof (seit 2011) weist aber auf die Ereignisse hin.

Was Anton Schmid, der Feldwebel aus Wien, nicht mehr erlebt hat:

Das Ehepaar Adler macht sich mit gefälschten Papieren auf die Reise nach Warschau und unterstützt dort von außerhalb den sich organisierenden bewaffneten Ghettowiderstand. Während des Warschauer Ghettoaufstandes gelingt es den Adlers nach Budapest zu entkommen. Beim Versuch nach Palästina zu emigrieren, werden sie festgenommen und schlussendlich in das Konzentrationslager Bergen-Belsen verschickt. Dort werden sie zufällig Teil eines Handels einer Hilfsorganisation mit Eichmann und werden in die Schweiz freigelassen. Anita Adler beginnt wieder Opern zu singen und Hermann wird Journalist beim Schweizer Rundfunk. Doch als die Hauptaufgabe ihres Lebens sehen sie es jetzt an, den Menschen die Erinnerung an Anton Schmid und seine Rettungshandlungen ins Gedächtnis zu rufen.

Mordechai Tenenbaum und Chaika Grossman setzen sich nach Białystok ab, um dort den bewaffneten Ghettowiderstand aufzubauen. Als das Ghetto von den Nazis 1943 aufgelöst wird, um die Bewohner in die Gaskammern zu schicken, führt Tenenbaum den Aufstand der jüdischen Kämpfer gegen die Mörder an. Er kommt in den Kämpfen um – möglicherweise durch Selbstmord – Chaika Grossman gelingt es aber zu fliehen. Sie wird später als Abgeordnete für eine linksgerichtete Partei in der Knesset in Jerusalem sitzen.

Die Wehrmachtsangehörigen und Retter Plagge, Schönbrunner, von Deschwanden, sowie die beiden Kriegspfarrer Huck und Kropp überleben den Krieg. Plagge und Schönbrunner werden später als Gerechte unter den Völkern geehrt, Deschwanden hat zeitlebens Ehrungen abgelehnt, ist aber von den Überlebenden gewürdigt worden.

Abt Andreas Gdowski wird von den Deutschen schließlich verdächtigt, dass er in seinem Kloster Juden versteckt. Der Abt und seine Mönche werden in Konzentrationslager im Baltikum gesteckt, das Kloster aufgelöst. Genauso geht es Mutter Bertranda und ihrem Dominikanerinnenkloster von den kleinen Schwestern. Ihre Mitschwestern gehen offenbar frei. Beide Klostervorsteher überleben, Gdowski stirbt aber bereits 1948. Bertranda, die inzwischen aus Groll über ihren Gott, der den Judenmord zugelassen hat, aus dem Orden ausgetreten ist und einige ihrer damaligen Mitschwestern werden 1984 in Polen als Gerechte unter den Völkern geehrt. Die Ehrungen überreicht Abba Kovner.

Das Ghetto in Wilna wird im September 1943 aufgelöst. Zur Ouvertüre des Geschehens verliert Ghettovorsitzender Gens sein Spiel mit dem Teufel. Er wird von den Deutschen erschossen. Bei der Räumung des Ghettos kommt es zu keinem Aufstand der Bewohner, so wie es sich die Heißsporne unter den Widerständlern erträumt haben. Die Mitglieder des Widerstandes haben entweder bereits in den Tagen vor der Räumung das Ghetto verlassen oder setzten sich jetzt, wie Abba Kovner und seine Leute, gleichsam unter den Augen der Deutschen durch die Kanalisation ab. Ziel der Angehörigen des Widerstands sind die Wälder östlich von Vilnius (bereits in Weißrussland gelegen) oder südlich davon, wo sie sich als Partisanen einrichten. Ihre Existenz als Partisanen bedeutet immer ein Leben am Limit, da sie auf keine Unterstützung von außen hoffen können, sondern sich erst einmal als ernstzunehmende Partner oder gegebenenfalls auch Widerpart der dort bereits operierenden sowjetischen Partisanen, bzw. polnischer und litauischer Gruppen etablieren müssen. Ein Beispiel für diese Partisanenexistenz wird im Aufsatz Blut und Erde beschrieben. Der Großteil der Wilnaer Ghettobewohner wird in Arbeits- und Konzentrationslager im Baltikum verlegt. Ein nicht geringer Teil verbleibt allerdings in Wilna, im Heereskraftfahrpark und in der Pelzfabrik Kalis. Die, die nicht mehr gebraucht werden – besonders nicht mehr junge Frauen und Kinder – werden in Ponary erschossen, eine kleinere Gruppe womöglich in ein Vernichtungslager transportiert. Auch diejenigen, die in Wilna verblieben sind, werden am Schluss erschossen – sofern ihnen nicht vorher die Flucht gelungen ist. Einige der Wilnaer Juden erleben dann in den Arbeits- und Konzentrationslagern noch die Befreiung.

In Ponary versuchen die Deutschen die Spuren des Massenmordes zu verwischen. Sie zwingen ein Arbeitskommando aus Juden und sowjetischen Kriegsgefangenen die verwesenden Leichen der Ermordeten auszugraben und auf riesigen, mit Benzin übergossenen Scheiterhaufen zu verbrennen. Da die Mitglieder des Arbeitskommandos verstehen, dass sie nach Erfüllung dieses Auftrages ermordet werden, graben sie einen Fluchttunnel aus dem Grauen in die Freiheit. In einer geeigneten Nacht starten sie den Ausbruch. Für den Großteil endet dieser im Maschinengewehrfeuer der deutschen Bewacher. 15 der Flüchtenden schaffen es aber zu entkommen, ein Teil von ihnen schlägt sich zu den Partisanen durch und gibt so von den Vorgängen Zeugnis. Das Arbeitskommando wird von den Nazis wieder aufgefüllt und am Schluss erschossen.

Wilna wird im Juli 1944 von den sowjetischen Truppen zurückerobert. Die Rückkehr der Sowjets erfolgt im Rahmen der Operation „Bagration“, siehe dazu auch den Artikel Brücken und Gräben Teil 3. Zunächst aber erhebt sich die im Untergrund existierende polnische Heimatarmee gegen die Deutschen, um Wilna noch vor dem Eintreffen der Sowjets für Polen zurückzugewinnen. Da der Angriff von innerhalb und außerhalb der Stadt erfolgt, wird es für die Deutschen in Wilna noch einmal richtig ungemütlich. Trotzdem gelingt es den Polen nicht, sich vollständig gegen die Wehrmacht durchzusetzen. Erst als die Sowjetarmee vor der Stadt aufzieht und sowjetische Truppenteile mit polnischen kooperieren, sehen die Deutschen die Aussichtslosigkeit der Lage ein und ziehen sich zurück. In einer nächtlichen Aktion brechen sie nach Westen aus, um die Linien einer Entsatzkampfgruppe zu erreichen, die allerdings selber feststeckt. Trotz schwerer Kämpfe gelingt der Ausbruch, etwa 3000 von 4000 Mann kommen noch aus der Stadt heraus.

In Wien hat sich die Lage für die Familie Schmid drastisch verändert. In der Familie geht man mit der Nachricht von der Hinrichtung unterschiedlich um. Während Tochter Gertrude letztendlich dazu findet, stolz auf ihren Vater zu sein, hadert die Witwe Stefanie zeitlebens mit ihrem Schicksal. Als sich herumspricht, dass Anton Schmid als „Verräter“ hingerichtet worden ist, werden die Nachbarn unfreundlich. Sie legen Witwe und Tochter nahe, wegzuziehen und, so behauptet eine (eigentlich unzuverlässige) Quelle, irgendjemand wirft ihnen die Fensterscheiben ein.

Dieses Klima scheint sich auch nach Kriegsende nicht besonders verbessert zu haben, sodass Stefanie und Gertrude Schmid vermeiden, je in der Öffentlichkeit über die Angelegenheit zu sprechen. Sie befürchten Schmähungen und Benachteiligungen. Immerhin sucht Stefanie Schmid beim österreichischen Staat um eine Witwenpension an, die dann auch aufgrund einer speziellen österreichischen Regelung für derartige Fälle gewährt wird. In Deutschland wäre eine solche Behandlung zu diesem Zeitpunkt nicht möglich gewesen. Darüber hinaus hat der österreichische Staat aber kein Bedürfnis, den Fall Schmid zu würdigen. Noch im Jahr 1976 beklagt Tochter Gertrude, dass Ihr Vater zahlreichen Verleumdungen ausgesetzt sei. Anton Schmid hat mit seinem Rettungswiderstand, so wie einige wenige andere auch, Handlungsspielräume ausgelotet und damit die selbst verabreichte Beruhigungspille der Österreicher (und Deutschen) in Frage gestellt, dass man sowieso nichts gegen den Judenmord hätte tun können. Das fordert heraus und auf diese Herausforderung wird oft versucht, mit Aggression gegenüber dem Gerechten zu antworten.

Diese Erfahrungen einer ablehnend bis feindlich eingestellten Umwelt zum Verhalten Schmids sind dann auch ausschlaggebend, dass Gertrude auf das deutsche Vorhaben, eine Kaserne nach ihrem Vater zu benennen, zunächst sehr zurückhaltend reagiert. Erst nach stetigem Drängen der Projektbetreiber, stimmt sie dem Vorhaben zu und ist letztendlich auch froh darüber. Bis dahin hat sich allerdings auch einiges getan:

Einer breiten Öffentlichkeit wurde der Name Schmid erstmals durch den Eichmann-Prozess 1961 ein Begriff. Abba Kovner ist im Prozess Zeuge und entreißt dabei den Namen Schmids dem Vergessen. Er erzählt ausführlich über den Feldwebel aus Wien, was bei den Prozessbeobachtern (unter anderem auch Hannah Arendt) eine starke Wirkung erzielt. In Österreich zieht man aus diesen Aussagen allerdings keinerlei Schlüsse und auch als Schmid 1967 posthum als erster Soldat der Wehrmacht vom Staat Israel als Gerechter unter den Völkern geehrt wird – zusammen mit sechs weiteren Österreichern – sieht das offizielle Österreich keinerlei Handlungsbedarf.  Es ist dann der legendäre Wiener Bürgermeister Zilk gewesen, der auf eine öffentliche Erinnerung an Schmid gedrängt hat. 1990 wird daher ein bestehender Gemeindebau in der Brigittenau in Wien, Schmids Wohn- und Arbeitsbezirk, nach ihm benannt. Im neuen Jahrtausend nimmt das Brigittenauer Bezirksparlament – nach einer Initiative aus der Zivilgesellschaft – noch einmal diesen Faden auf und beschließt die Benennung einer Verkehrsfläche nach Schmid. Geworden ist es der auf der Brigittenauer Seite gelegene Begleitweg des Donaukanals. So springen die eingesessenen Medien auch erst im neuen Jahrtausend auf das Thema auf und erinnern an die Rettungshandlungen des Wiener Gewerbetreibenden in Wehrmachtsuniform. Eine entsprechende Erinnerungskultur entsteht allerdings aus einem solchen Funkenflug nicht.

Dagegen versucht im Jahr 2000 der damalige deutsche Verteidigungsminister Scharping eine solche Kultur anzufachen, als er beschließt die Rüdel-Kaserne in Rendsburg nach Schmid umzubenennen. Rüdel war ein II. Weltkrieg-General und die Truppe, die diese Umbenennung nicht nachvollziehen kann, würde lieber bei dem alten Namen bleiben. So bleibt diese Namensgebung eine oberflächliche Geste, ohne Chance in das allgemeine Bewusstsein einzudringen. Umstrukturierungen in der deutschen Kasernenlandschaft führen schließlich zur Auflösung der Schmid-Kaserne, sodass der Name aus der Traditionskultur der Bundeswehr fast völlig verschwindet. Einzelne Heeresangehörige und engagierte Zivilisten haben sich jedoch gegen diese Entwicklung gestemmt und letztendlich damit Erfolg gehabt. Die Sanitätskaserne in Blankenburg (Sachsen-Anhalt) übernimmt 2016 den Namen Schmids. In Österreich scheint man dagegen von einer Kasernenbenennung noch weit entfernt zu sein. Immerhin, im Jahr 2012 ist der Hauptvortragssaal der Heeresunteroffiziersakademie im öberösterreichischen Enns nach Anton Schmid benannt worden. Für eine Verankerung Schmids im allgemeinen Bewusstsein der Österreicher wird das aber kaum ausreichen, weil außerhalb des Militärs kaum jemand davon weiß.

Das in Österreich nur unzureichend ausgeprägte Vorhandensein von Ikonen des Widerstands gegen die Nazis, so wie es sie im öffentlichen Bewusstsein in Deutschland gibt, z. B. mit Stauffenberg oder den Geschwistern Scholl, ist auch eine Frage des Selbstverständnisses, das ein Staat und seine Gesellschaft von sich hat. Anton Schmid hätte das Potenzial eine solche Ikone zu werden, aber das Engagement dafür ist bisher – mit Ausnahmen – von wenigen Vertretern der Zivilgesellschaft ausgegangen. Wie gegen Anfang des Aufsatzes angedeutet, kann man die Gerechten oder die, die Widerstand gegen Unrecht geleistet haben, als die Seele einer Gesellschaft ansehen. Wenn diese Seele aber nicht wahrgenommen wird, hat man ein Problem.

Nachbemerkungen:

Diese hier niedergeschriebene zusammenfassende Darstellung der Geschehnisse im Wilna des II. Weltkriegs kann nicht im mindesten die Schrecken verdeutlichen, denen die jüdische Bevölkerung der Stadt ( und des Landes) durch die Deutschen Besatzer und ihre litauischen Helfer ausgesetzt war. Litauen gilt als das Land, in dem der Judenmord am „gründlichsten“ umgesetzt worden ist. Nur wenige tausend jüdische Litauer haben überlebt. Dabei ist zu bedenken, dass zu Jahresende 1941 neben den 15.000 noch offiziell überlebenden Wilnaer Juden weitere 5.000 im Untergrund gelebt haben, teilweise im Ghetto, bzw. so lange es sich machen ließ, außerhalb des Ghettos. Das bedeutet, dass es trotz des damals deutlich ausgeprägten Antisemitismus in der polnischen und litauischen Gesellschaft eine große Anzahl an Helfern gegeben hat, die zumindest eine Zeit lang das Überleben der Verfolgten ermöglicht hat. Dementsprechend weist Litauen die stolze Zahl von 893 Gerechten unter den Völkern auf und Polen übrigens 6.863. Etliche dieser Beschützer gingen dafür auch in den Tod. Allerdings: konnten diejenigen, die Juden versteckt hielten, den Deutschen weismachen, dass sie es ausschließlich gegen Geld gemacht haben, um sich so ein Zubrot zu verdienen, kamen sie in der Regel mit einer glimpflichen Gefängnisstrafe davon.

Da es über Anton Schmid nur wenige primäre Quellen gibt, aus denen wir uns ein Bild über ihn und seine Rettungshandlungen machen können, sind Hermann und Anita Adler die wichtigsten Zeugen zur Person Anton Schmids geworden. Allerdings hat Hermann Adler, der sich in der Kriegszeit zunehmend zum Dichter und Schriftsteller entwickelte, einen Teil seiner Notizen und Arbeiten über Schmid erst in den 50er und 60er Jahren niedergeschrieben. Wieweit sich durch die dabei vergangene Zeit seine Erinnerung verändert hat und wieweit dichterische Elemente in diese Erinnerungen eingeflossen sind, bleibt ein Fragezeichen. Nichts desto trotz können wir uns aufgrund der Überlieferung Adlers ein genaues Bild von der Persönlichkeit Schmids machen, das auch durch andere Quellen bestätigt wird.

Eine Quelle über Schmid, die sich sogar der unmittelbaren Zeitzeugenschaft rühmen darf, ist der sog. „Schmid-Report“, der sich im Ringelblum-Archiv im Warschauer Ghetto gefunden hat. Er wird der Widerstandskämpferin Lonka Kozybrocka zugeschrieben, die auch Gast in Schmids Dienstwohnung gewesen ist. Dieser Report ist zwar ein Beleg dafür, wie wichtig Schmid für die Ghettobewohner geworden ist, inhaltlich ist er aber kaum zu gebrauchen. Er macht eher den Eindruck, als wenn er vom Hören-Sagen niedergeschrieben worden wäre, als aus unmittelbarem Wissen heraus. Möglicherweise ist es auch dieser Report, der für die Erzählung verantwortlich ist, dass sich Schmid mehrmals im Ghetto aufgehalten habe und dabei direkten Kontakt zum Widerstand gehabt hätte. Wie gesagt, vom Standpunkt des Historikers her, sind solche Darstellungen nicht nachvollziehbar.

Schaut man sich im Internet um, was dort alles zur Person Anton Schmids geschrieben steht, trifft man inzwischen auf einige, meist anlassbezogene kürzere Artikel zum Thema, die oft phantasie- und variantenreich das Leben des Anton Schmid beschreiben. Die Person Anton Schmid ist jedoch inzwischen in der einschlägigen Forschungsliteratur gut wahrgenommen. Der deutsche Historiker Wolfram Wette hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erkenntnisse über Schmid in einem Buch zusammenzuführen:  Feldwebel Anton Schmid – ein Held der Humanität; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2013.

Vor Ort in Wien bzw. Österreich ist es vor allem das Verdienst des Germanisten- und Schriftstellerpaares Manfred Wieninger und Christiane Papst, dass ein gewisses Interesse an der Person Anton Schmids entstanden ist. Die beiden stießen in den neunziger Jahren auf den Namen Schmids und begannen nachzuforschen, wer  eigentlich hinter diesem Namen steckt. Ihr zunächst darüber entstandener Aufsatz war dann auch für den Autor dieser Zeilen der erste Einstieg in die Biographie Schmids. Mittlerweile hat Wieninger einen Einblick in den Nachlass Anton Schmids nehmen können und darauf basierend ein Buch verfasst:  Die Banalität des Guten – Feldwebel Anton Schmid – Roman in Dokumenten; Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, Wien 2014.

In einigen Details gibt es Unterschiede zwischen Wieningers und Wettes Darstellung des Falles. Zum Beispiel schreibt Wieninger, dass es unbekannt sei, ob Luisa Emaitisaite den Krieg überlebt habe. Bei Wette dagegen hat sie überlebt.

Auch der Wiener Historiker Siegwald Ganglmair hat sich um die Jahrtausendwende mit Anton Schmid befasst und entsprechend publiziert. Auf litauischer Seite ist es vor allem das Verdienst der Übersetzerin und Lokalhistorikerin Dalija Epstein(-aite) und des Jüdischen Museums, dass es in Vilnius zu einer Würdigung der Person Schmids gekommen ist.

Für Hinweise zum Auftritt der Salzburger Elisabethbühne in Vilnius dankt der Autor der damaligen Theaterleiterin Renate Ourth.

Die Rechte an den folgenden Fotos liegen bei den Erben Anton Schmids.

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Anton Schmid mit Gattin Stefanie und Tochter Gertrude, wohl um die Mitte der 20er Jahre
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Anton Schmid mit Gattin
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Anton Schmid in der Mitte mit Schnauzer
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rechts Anton Schmid
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Feldwebel Anton Schmid
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Anton Schmid, Mitte, beim Einsatz in Polen
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Anton Schmid mit Kameraden, irgendwo in der Etappe

 

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Der Gast im Bundestag und seine Heilige (= Deutschland und Russland 2)

Im Deutschen Bundestag zu Gast gewesen ist einst Herr P.
Herr P. stammt aus L. und lebt in M..
Von Beruf ist Herr P. Zar.
Jeden Morgen wacht Herr P. auf, krault seine Hunde, springt kopfüber ins Swimmingpool, frühstückt weiche Eier und trinkt Russischen Tee.
Das klingt irgendwie bereits verdächtig:
Was macht er? Er verspeist Weicheier und säuft Russischen Tee? Mit Milch übrigens.
Dann geht P. in sein Zarenbüro im Kreml.
Sein Arbeitstag beginnt immer mit dem Hacken von e-mail-Accounts.
Folgend manipuliert er Wahlen im In- und Ausland und anschließend schickt er seine Soldaten in fremde Länder, in denen die nichts zu suchen haben.
Eine spannende Tätigkeit also.
Allein in ein Land, das namentlich ungenannt bleiben möchte, marschierte seine Armee – so wird zumindest kolportiert – binnen Jahresfrist mehr als 30 mal ein. Wie so was geht? Ja, keine Ahnung.
Aber, wie gesagt, nichts genaues weiß man nicht.

Wenn Herr P. nicht gerade den oben beschrieben Tätigkeiten nachgeht, hält er Reden. Verfolgt man P.s Auftritte in der Öffentlichkeit seines Landes, fällt auf, dass die Stimmung unter seinen Zuhörern oft richtig gut ist.
Seine Gegner werden halt erst gar nicht hingehen.

Eine dieser Reden hielt P. als noch sehr junger Zar gar – eigentlich unvorstellbar – im Gral (na ja) deutscher Politik: im Deutschen Bundestag.
Sieht man sich heutzutage diesen Auftritt vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen internationaler Politik nochmals an, fühlt man sich in eine Art Satireveranstaltung hineinversetzt.
Werfen wir also noch einmal kurz einen Blick auf dieses historische Ereignis:
Was sagte P., der die längste Zeit der Rede auf Deutsch sprach, und bei welchen Stellen applaudierten die zuhörenden Damen und Herren Abgeordneten.
Übrigens waren das deutsche Abgeordnete. P. hatte nicht etwa seine eigenen…
Im Verlauf dieser Rede P.s stoßen wir dann auch auf diese Heilige, die im Titel erwähnt ist. „Der Gast im Bundestag und seine Heilige (= Deutschland und Russland 2)“ weiterlesen

Vom doppelten Klang eines Namens: Neringa

Klang Nr. 2: das Cafe

Neringa – eine poetische Bezeichnung für die Kurische Nehrung: Die schlanke Landzunge, die sich, von der Nordküste des Kaliningrader Gebiets aus durch das weite Wasser in den Norden erstreckt – wie eine dem Festland vorgelagerte Sandbrücke, die bis vor die Tore der litauischen Hafenstadt Klaipeda reicht. Dieses, rund 100 Kilometer lange, schmale Land ist in der südlichen Hälfte ein Teil Russlands und in der nördlichen ein Teil Litauens, bleibt aber doch ein großes Ganzes.

Laut litauischer Sage wurde die Kurische Nehrung von einer blond bezopften Riesin namens Neringa erschaffen, die so schön und gütig wie groß war. Sie hatte viele Freier, doch keiner taugte in ihren Augen, bis schließlich doch noch der Eine kam… Auf jeden Fall galt es die Küstenbewohner vor den alles verzehrenden Sturmfluten der Ostsee zu schützen, die der Wellengott geschickt hatte. Neringa schritt zur Tat, schüttete kurzerhand vor der Küste einen Damm aus Sand auf und rettete so den Fischern (und ihrem Auserwählten) Leben, Hab und Gut. Tatmotiv war eindeutig Liebe. So inspiriert, lebt der Name Neringa in Litauen auch als weiblicher Vorname weiter.

Die Kurische Nehrung ist tatsächlich ein heikles, wie schönes Gebilde, das sich aus dem Zusammenspiel von Wind, Wasser, Sand und Pflanzenwelt geformt hat. Es reagiert sensibel auf jeden Eingriff. Der Mensch der Neuzeit brauchte fast ein halbes Jahrtausend, um mit diesem Umstand umgehen zu können.

„Vom doppelten Klang eines Namens: Neringa“ weiterlesen

Vom doppelten Klang eines Namens – Klang Nr.1 : die Halbinsel

Beginnen wir so:
Schützke fragt: Wer schrieb‘ s ?
Und: welche Gegend wird denn hier beschrieben?

A) Der Schriftsteller:
„Dem Gestade der See unfern liegt das Stammschloß der Freiherrlich von R..schen Familie… Die Gegend ist rauh und öde, kaum entsprießt hin und wieder ein Grashalm dem bodenlosen Triebsande, und statt des Gartens, wie er sonst das Herrenhaus zu zieren pflegt, schließt sich an die nackten Mauern nach der Landseite hin ein dürftiger Föhrenwald, dessen ewige, düstre Trauer den bunten Schmuck des Frühlings verschmäht, und in dem statt des fröhlichen Jauchzens der zu neuer Lust erwachten Vögelein nur das schaurige Gekrächze der Raben, das schwirrende Kreischen der sturmverkündenden Möwen widerhallt. Eine Viertelstunde davon ändert sich plötzlich die Natur. Wie durch einen Zauberschlag ist man in blühende Felder, üppige Äcker und Wiesen versetzt. Man erblickt das große, reiche Dorf mit dem geräumigen Wohnhause des Wirtschaftsinspektors. An der Spitze eines freundlichen Erlenbusches sind die Fundamente eines großen Schlosses sichtbar, das einer der vormaligen Besitzer aufzubauen im Sinne hatte. Die Nachfolger … ließen den Bau liegen, und auch der Freiherr Roderich von R., der wiederum seinen Wohnsitz auf dem Stammgute nahm, mochte nicht weiter bauen, da seinem finstern, menschenscheuen Wesen der Aufenthalt in dem alten, einsam liegenden Schlosse zusagte.

B) Ein Brief des Naturforscher:
„Das charakteristischste dieser Unnatur, was ich gesehen, ist diese Halbinsel, auf der wir 4 -5 Tage gelebt… Wenn Schinkel dort einige Backsteine zusammenkleben liesse, wenn ein Montagsclub, ein Cirkel von kunstliebenden Judendemoiselles und eine Akademie auf jenen mit Gestrüppe bewachsenen Sandsteppen eingerichtet würde, so fehlte nichts, um ein neues Berlin zu bilden, ja, ich würde die neue Schöpfung vorziehen, denn die Sonne habe ich herrlich auf der Halbinsel sich in das Meer tauchen sehen. Dazu spricht man dort, wie du weisst, rein Sanscrito…“

C) Der Reiseschriftsteller
„ „… Als Pfarrer Schwarz 1782 in den Ort kam, befanden sich daselbst noch 15 Feuerstellen (ungefähr eben so viele als 50 Jahre vorher.) Auch die im Jahre 1738 erbaute Kirche stand noch (Anm. M. Schü.: das Gebiet war evangelisch). Es muß eben das Verderben schnell hereingebrochen sein. Am 3. Apri l 1786 schreibt Pfarrer Schwarz an den Erzpriester Leppach:
„Ew. Hochehrwürden muß ich den verderbten Zustand der hiesigen Kirche gehorsamst hinterbringen. Die Anlage zu ihrem gegenwärtigen Untergange ist schon längst vor meiner Zeit durch die aus Abend und Norden stürmenden Winde…gemacht worden. Daher hat man sich auch damals genöthigt gesehen, die Mittagseite derselben mit Stützen zur Sicherheit und Widerstande des aus Norden und Westen andringenden Verderbens zu unterstützen. Zu meiner Zeit ist diese alte gestützte Kirche durch den immer mehr und mehr überhand genommenen Sand dergestalt angegriffen worden, daß sie zu ihrem völligen Ruin hat hinzueilen müssen. Ew. Hochehrwürden wissen, …daß sich die ganze Abendseite so weit herunter senken mußte, als ihr der Sand es erlaubte… So verloren wir doch das Licht, das von dieser Seite in die Kirche fiel… Durch die häufige, zu mancher Zeit viele Tage nach einander, anhaltende, starke Stürme aus Nordosten, (ist) die Vermehrung des Sandes so befördert worden, daß nunmehr nicht allein die Abendseite, sondern auch die Nordseite bis oben an das Dach damit angefüllt sind, wodurch uns abermal ein ganzes Licht von dieser Seite genommen ist. Und da das Glockenthürmchen, wodurch der Eingang in die Kirche geschehen muß, auf derselben nördlichen Seite sich befindet…so haben beide, sowohl das Thürmchen als auch die Thür zum Eingange in die Kirche, gleiches Schicksal gehabt. Der Sand hat sich darinnen dicht und hoch an die Eingangsthür hart gelagert. Dadurch ist uns der Eingang in die Kirche recht schwer gemacht worden. Denn wir müssen nicht allein krumm und gebückt unter dem Glockenthurm beinahe wegkriechen und uns in die Kirche hineinwinden, sondern wir stehen denn alsdann auch in empfindsamer Besorgniß, den Untergang der Kirche auf unsere Häupter zu fühlen… Es wird nun zwar alle Mühe von den Kirchspielsleuten angewandt, …den plötzlichen Einsturz nach Möglichkeit zu steuern. Aber …was heute gebessert ist, ist morgen schon unverbesserlich. Bei dieser Kirche ist alle Mühe und Arbeit umsonst und verloren…. Ihr Ende ist da. Ach daß sie nur nicht ihr Ende zu unserm Schrecken und mit unserm Schaden nehmen möchte.“
Infolge dieses Berichtes und des vom Erzpriester Leppach vom 21. April 1786 wurde der Landbaumeister Braun beauftragt, die Sicherung des noch brauchbaren Holzes von der alten Kirche zu veranstalten, auch einen schicklichen Ort zu einer neuen Kirche auszusuchen…
Schon am 3. Juni berichtet aber Leppach, daß der Pfarrer Schwarz, „der seit einem halben Jahr über eine starke Entkräftung und Engbrüstigkeit geklagt, nachdem er noch Dom. Exaudi gepredigt hat, den 31. Maji in einem Alter von 53 Jahren und nach einer beinahe vierjährigen treuen Amtsführung das zeitliche mit dem ewigen verwechselt hat.“
Er war offenbar dem scharfen Klima erlegen. Von ihm heißt es in einer privaten Aufzeichnung: „starb 1786 und ist in einem großen Sandberge begraben.“
Der Dünenwall rückte immer näher an das Dorf heran…. “ “

„Vom doppelten Klang eines Namens – Klang Nr.1 : die Halbinsel“ weiterlesen

Die Muttergottes und der Osten

Die Verehrung der  Muttergottes Maria spielt in Mittel- und Osteuropa eine wichtige Rolle im Selbstverständnis der jeweiligen Völker. Gleichwohl hat diese Gemeinsamkeit der Verehrung in der Vergangenheit nicht dazu geführt, dass sich – wie man annehmen könnte – die Beziehungen der Völker zueinander gebessert haben. Eher das Gegenteil.     Es ist also kein Zufall, wenn dieser Beitrag an die vorangegangene Serie über die Europastraße 30 anknüpft, die wir „Brücken und Gräben“ genannt haben und in dessen 3. Teil die Muttergottes unerwähnter Weise eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat.

„Die Muttergottes und der Osten“ weiterlesen

Brücken und Gräben Teil 3

Von Cork bis nach Moskau. Das ist die Europastraße 30 (E30), die wichtigste West – Ost Straßenverbindung des Kontinents. Wir befahren sie ausgehend vom irischen Cork Richtung Osten. In Teil 2 machten wir zuletzt Station in der weißrussischen Grenzstadt Brest. Dort wurden wir Zeuge der Eroberung der sowjetischen Festung Brest durch die Truppen Nazi-Deutschlands Ende Juni 1941. Mit diesem Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion wurde aus dieser Straßenverbindung von West- und Osteuropa ein riesiger Graben, der bis heute nicht vollständig überbrückt ist. Auf der Fahrt von Brest weiter nach Osten wird man unwillkürlich mit der noch immer offenen Frage konfrontiert: Sind wir fähig aus Geschichte zu lernen? Mal sehen, was die E30 für Antworten darauf bereit hält:

„Brücken und Gräben Teil 3“ weiterlesen

Brücken und Gräben Teil 2

Brücken verbinden und Gräben trennen. Wir sind unterwegs auf der Europastraße 30, die das irische Cork mit Russlands Herz Moskau verbindet. Allerdings wurden in dem östlichen Abschnitt der E30 auch Gräben aufgeworfen, die bis heute nicht vollständig überbrückt sind.

In Teil 1 machten wir zuletzt in der Friedensstadt Osnabrück Station. Von dort geht es jetzt weiter Richtung Osten. Hier sind an der E30 eine Reihe wichtiger Städte aufgefädelt: Hannover, Braunschweig und Magdeburg, sodann macht die E30 einen Bogen um die deutsche Bundeshauptstadt und wir landen schließlich in Frankfurt an der Oder. Dieses stand immer im Schatten seines größeren Namensvetters am Main. So nennt man in Wien doch die Wiener Würstchen Frankfurter, oder? Und meint dabei die vom Main. Allerdings, für einen „Maineid“ gibt es keinen Grund, im Gegenteil: Frankfurt (Oder), ist keineswegs ein „Frankfurts“, sondern hat das Eine oder Andere zu bieten. Es ist die Kleiststadt, weil der später nicht glücklich gewordene Dichter Heinrich von Kleist hier geboren wurde und auch einen Teil seiner Kindheit und Jugend in der Stadt verbracht hat. Kleist entstammt einer alten und weitverzweigten Adelsfamilie, die neben Beamten und Gutsbesitzern auffällig viele hohe und höchste Offiziere hervorgebracht hat. Der heutzutage wohl bekannteste von diesen ist jener Ewald von Kleist, der in Hitlers Heer Kommandeur einer sogenannten Panzergruppe, später Panzerarmee, war. Eine der „Vorzeigeobjekte“ der deutschen Wehrmacht.

„Brücken und Gräben Teil 2“ weiterlesen