Guter Österreicher, Schlächter Österreicher

Die österreichische Öffentlichkeit erlebte im Frühjahr dieses Jahres 2018 einen kleinen Vergangenheitsbewältigungs-Hype, als der österreichische Filmregisseur Christian Frosch seine neueste Arbeit „Murer – Anatomie eines Prozesses“ beim Grazer Filmfestival Diagonale vorstellte. In diesem Film geht es um den Gerichtsprozess im Jahre 1963 in Graz gegen den österreichischen NS-Funktionär Franz Murer.

Der Landwirt Franz Murer aus der Obersteiermark wurde von der Geschichte in die Rolle des NS-Ghettokommandanten von Vilnius gespült und dort als „Schlächter von Vilnius“ ein Begriff.  Oder besser gesagt: er wurde kein Begriff, denn in Österreich klappte man diesbezüglich das Buch der Geschichte schon relativ bald nach dem Krieg wieder zu und ließ die Sache auf sich beruhen. Murer wurde zu einem anerkannten Landwirtschaftsfunktionär der Österreichischen Volkspartei in der Obersteiermark und als der “Nazijäger“ Simon Wiesenthal es schaffte, ihn trotzdem 1963 in Graz vor Gericht zu bringen, endete das Ganze mit einem Freispruch Murers – trotz der erdrückenden Beweislage für die von ihm im Ghetto von Vilnius verübten Verbrechen. In der Steiermark war der Jubel über den Freispruch groß, so groß wie anderorts die Verwunderung über diesen Prozessausgang. „Guter Österreicher, Schlächter Österreicher“ weiterlesen

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Brücken und Gräben Teil 3

Von Cork bis nach Moskau. Das ist die Europastraße 30 (E30), die wichtigste West – Ost Straßenverbindung des Kontinents. Wir befahren sie ausgehend vom irischen Cork Richtung Osten. In Teil 2 machten wir zuletzt Station in der weißrussischen Grenzstadt Brest. Dort wurden wir Zeuge der Eroberung der sowjetischen Festung Brest durch die Truppen Nazi-Deutschlands Ende Juni 1941. Mit diesem Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion wurde aus dieser Straßenverbindung von West- und Osteuropa ein riesiger Graben, der bis heute nicht vollständig überbrückt ist. Auf der Fahrt von Brest weiter nach Osten wird man unwillkürlich mit der noch immer offenen Frage konfrontiert: Sind wir fähig aus Geschichte zu lernen? Mal sehen, was die E30 für Antworten darauf bereit hält:

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Brücken und Gräben Teil 2

Brücken verbinden und Gräben trennen. Wir sind unterwegs auf der Europastraße 30, die das irische Cork mit Russlands Herz Moskau verbindet. Allerdings wurden in dem östlichen Abschnitt der E30 auch Gräben aufgeworfen, die bis heute nicht vollständig überbrückt sind.

In Teil 1 machten wir zuletzt in der Friedensstadt Osnabrück Station. Von dort geht es jetzt weiter Richtung Osten. Hier sind an der E30 eine Reihe wichtiger Städte aufgefädelt: Hannover, Braunschweig und Magdeburg, sodann macht die E30 einen Bogen um die deutsche Bundeshauptstadt und wir landen schließlich in Frankfurt an der Oder. Dieses stand immer im Schatten seines größeren Namensvetters am Main. So nennt man in Wien doch die Wiener Würstchen Frankfurter, oder? Und meint dabei die vom Main. Allerdings, für einen „Maineid“ gibt es keinen Grund, im Gegenteil: Frankfurt (Oder), ist keineswegs ein „Frankfurts“, sondern hat das Eine oder Andere zu bieten. Es ist die Kleiststadt, weil der später nicht glücklich gewordene Dichter Heinrich von Kleist hier geboren wurde und auch einen Teil seiner Kindheit und Jugend in der Stadt verbracht hat. Kleist entstammt einer alten und weitverzweigten Adelsfamilie, die neben Beamten und Gutsbesitzern auffällig viele hohe und höchste Offiziere hervorgebracht hat. Der heutzutage wohl bekannteste von diesen ist jener Ewald von Kleist, der in Hitlers Heer Kommandeur einer sogenannten Panzergruppe, später Panzerarmee, war. Eine der „Vorzeigeobjekte“ der deutschen Wehrmacht.

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Brücken und Gräben Teil 1

Beide Begriffe – Brücken wie Gräben – sind symbolisch zu verstehen: Brücken meinen Menschen, Institutionen und Geschehnisse etc., die Ost und West miteinander verbinden, Gräben dagegen jene Größen, die den Kontinent Europa entzweien.

Wir werden unregelmäßig entsprechende Beispiele vorstellen. Manchmal können Brücken zugleich auch Gräben sein und aus Gräben Brücken werden. Zu Beginn besehen wir dazu ein allzu profanes Beispiel, das es aber in sich hat: Die E30 .

E30 ist kein Lebensmittelzusatzstoff aus gemahlenen polnischen Waldläusen, sondern ein wirklich den Kontinent verbindendes Projekt, das aber in seiner Vorgeschichte öfters dazu benutzt wurde, um zu trennen: die europäische Fernstraße oder offiziell: die Europastraße 30.

Der Kontinent wird von einer Vielzahl von internationalen Straßenverbindungen durchzogen, die die Staaten Europas von Nord nach Süd und von Ost nach West miteinander verbinden. Manche verlaufen nur durch zwei oder drei Länder, andere queren tatsächlich den ganzen Kontinent. An größeren Straßenbeschilderungen auf solchen Routen kann man dazu ein kleines grünes Rechteck mit der entsprechenden E-Kennzeichnung erkennen.

Eine der interessantesten Verbindungen dieser Art ist die durch sieben Staaten verlaufende E30, die sich von Cork im südlichen Irland bis nach Moskau und dann in ihrer Verlängerung bis ins sibirische Omsk zieht. Von dort führen weitere Trassen nach Wladiwostok, sodass die E30 Teil einer interkontinentalen, europäisch-asiatischen Straßenverbindung mit einer Länge von über 12.000 km ist.

Auf und entlang der E30, bzw. ihrer Vorläufertrasse in Mittel- und Osteuropa spielen einige der zentralsten Bestandteile europäischer Geschichte. Vor allem auf diese Teile werden wir hier einen Blick werfen.

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