Der Gast im Bundestag und seine Heilige (= Deutschland und Russland 2)

Im Deutschen Bundestag zu Gast gewesen ist einst Herr P.
Herr P. stammt aus L. und lebt in M..
Von Beruf ist Herr P. Zar.
Jeden Morgen wacht Herr P. auf, krault seine Hunde, springt kopfüber ins Swimmingpool, frühstückt weiche Eier und trinkt Russischen Tee.
Das klingt irgendwie bereits verdächtig:
Was macht er? Er verspeist Weicheier und säuft Russischen Tee? Mit Milch übrigens.
Dann geht P. in sein Zarenbüro im Kreml.
Sein Arbeitstag beginnt immer mit dem Hacken von e-mail-Accounts.
Folgend manipuliert er Wahlen im In- und Ausland und anschließend schickt er seine Soldaten in fremde Länder, in denen die nichts zu suchen haben.
Eine spannende Tätigkeit also.
Allein in ein Land, das namentlich ungenannt bleiben möchte, marschierte seine Armee – so wird zumindest kolportiert – binnen Jahresfrist mehr als 30 mal ein. Wie so was geht? Ja, keine Ahnung.
Aber, wie gesagt, nichts genaues weiß man nicht.

Wenn Herr P. nicht gerade den oben beschrieben Tätigkeiten nachgeht, hält er Reden. Verfolgt man P.s Auftritte in der Öffentlichkeit seines Landes, fällt auf, dass die Stimmung unter seinen Zuhörern oft richtig gut ist.
Seine Gegner werden halt erst gar nicht hingehen.

Eine dieser Reden hielt P. als noch sehr junger Zar gar – eigentlich unvorstellbar – im Gral (na ja) deutscher Politik: im Deutschen Bundestag.
Sieht man sich heutzutage diesen Auftritt vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen internationaler Politik nochmals an, fühlt man sich in eine Art Satireveranstaltung hineinversetzt.
Werfen wir also noch einmal kurz einen Blick auf dieses historische Ereignis:
Was sagte P., der die längste Zeit der Rede auf Deutsch sprach, und bei welchen Stellen applaudierten die zuhörenden Damen und Herren Abgeordneten.
Übrigens waren das deutsche Abgeordnete. P. hatte nicht etwa seine eigenen…
Im Verlauf dieser Rede P.s stoßen wir dann auch auf diese Heilige, die im Titel erwähnt ist.

Die Rede fand am 25. 9. 2001 im Deutschen Bundestag statt und die Onlineausgabe des Spiegel bezeichnete sie noch am selben Tag als visionär. Trotzdem sah man auf der Regierungsbank lange Gesichter und gelangweilte obendrein. So mancher kniff gar sein Auge schießschartenförmig zusammen. Möglicherweise war den Dame- und Herrschaften der Regierung die Rede P.s eine Spur zu visionär. P. hatte nämlich das Potential gut entwickelter Deutsch-Russländischer Beziehungen beschworen.
Und das war nicht gut.
Hätte P. darüber geredet, wie schlecht die Deutsch-Russischen Beziehungen seien und dass wohl auch nichts mehr daraus werden würde, hätten wir jetzt ein besseres Verhältnis zwischen Deutschland und Russland und eine andere Lage in Europa. Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“.
Aber die Rede enthielt ja doch zumindest auch ein Asset und das war eben diese Heilige.

P. schritt also ans Rednerpult, jung, noch wenig beschrieben und auch noch nicht so geerdet wie heutzutage. Sichtlich nervös eröffnete er auf Russisch:
Nach einem Dank für die Möglichkeit im Bundestag sprechen zu dürfen, rühmt er die kulturellen Leistungen Deutschlands für die Weltkultur, für welche, wie er sagt, auch Russland einiges geleistet hätte und meint dann:
„Kultur hat nie Grenzen gehabt. Kultur war immer unser gemeinsames Gut und hat die Völker verbunden“ (zitiert wird hier übrigens nach dem Wortprotokoll der Rede des Bundestags).
Darauf kündigt er an, in der Sprache Goethes, Schillers und Kants weiterreden zu wollen, und da gibt‘ s dann auch den ersten Applaus von Seiten der Abgeordneten.
Damit geht P. – bereits auf Deutsch – auf die Berliner Mauer ein und sagt, dass ihr Fall etwas mit den Veränderungen im Denken und der politischen Weiterentwicklung innerhalb des russischen Volkes zu tun habe. Diese Entscheidung, die Mauer aufzugeben, habe mehrfach die Grenzen des europäischen Humanismus erweitert, „sodass wir behaupten können, dass niemand Russland jemals wieder in die Vergangenheit zurückführen kann“. Wieder Beifall.
Russland, so P. weiter, unterstütze nicht nur die europäische Integration, sondern sehe sie sogar mit Hoffnung. Europa habe nichts aus der früheren Spaltung gewonnen und sei sogar unmittelbar an der Weiterentwicklung des Verhältnisses zu Russland interessiert. Beifall, Beifall.

Und dann:
„Niemand bezweifelt den großen Wert der Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten. Aber ich bin der Meinung, dass Europa seinen Ruf als mächtiger und selbstständiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn es seine eigenen Möglichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands vereinigen wird.“
Na klar: Beifall
Die sind doch nicht blöd, die Europäer, oder?

Folgend spricht P. über die Sicherheitspolitik. Er sagt, Russland sei ein freundlich gesinntes europäisches Land, dessen Hauptziel ein stabiler Frieden auf dem Kontinent sei. Er geht auf den kurz zuvor stattgefundenen „11. September“ ein und stellt die Frage, wer daran schuld sei. Seine Antwort: Eigentlich wir alle und vor allem wir Politiker.
– Klingt heutzutage irgendwie nach Verschwörungstheorie? –
Der tiefere Grund für den „11. September“ sei „dass wir die heutigen Veränderungen in der Welt immer noch nicht verstehen können, als ob wir nicht bemerken würden, dass die Welt nicht mehr in zwei feindliche Lager geteilt ist. Die Welt ist sehr viel komplizierter geworden.“
Beifall. Tatsächlich.
P. beschreibt dann den islamistischen Terror als die eigentliche Bedrohung für die Zukunft und Russlands Rolle bei der Bekämpfung des Selben. Er denkt darüber nach, wie eine diesbezügliche internationale Zusammenarbeit funktionieren könnte und ruft dazu auf, eine moderne, dauerhafte und standfeste internationale Sicherheitsarchitektur zu errichten. Wiederholt Beifall.
Dann spricht er über die Inneren Vorgänge in Russland, preist sein liberalstes Steuersystem der Welt und sagt, dass gleichzeitig die Sozialausgaben den ersten Platz im Haushalt einnehmen und erstmals in der Geschichte Russlands die Ausbildungsausgaben die Verteidigungsausgaben übertreffen würden.
Beifall.
P. sagt, dass Russland auf eine enge Handels- und Wirtschaftszusammenarbeit eingestellt ist und meint, viele zentrale wirtschaftliche Probleme ließen sich nur durch eine umfangreiche und gleichberechtigte gesamteuropäische Zusammenarbeit lösen.
Beifall.

Das nächste Thema: Die Deutsch-Russländischen Beziehungen. Und hier kommt sie endlich: die Heilige. P. spricht über die Verschränkungen der russischen mit der deutschen Kultur und Geschichte und sagt dabei den Satz: „Zwischen Russland und Amerika liegen Ozeane. Zwischen Russland und Deutschland liegt die große Geschichte.“
Ein Zitat des Historikers Michael Stürmer. Und P. fügt hinzu, dass die Geschichte genauso wie die Ozeane nicht nur trennt, sondern auch verbindet.
P. bietet sodann seinen Zuhörern gleichsam zwei „Brücken“ an, über die die Deutschen in die russische Geschichte wechseln können. Es sind zwei Frauen, weil, wie er sagt, Frauen in der russischen Geschichte eine besondere Rolle gespielt haben. Das Protokoll vermerkt hier bei der Zuhörerschaft: Heiterkeit und Beifall.
Bekanntlich haben deutsche Prinzessinnen in der russischen Dynastiegeschichte einen wichtigen Platz eingenommen und dementsprechend ist auch klar, dass P. sie erwähnen wird: diese Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst vulgo Katharina die Große. Aber bevor er sie erwähnt, erwähnt er noch die Heilige. Offenbar ist P. auch diese Reihenfolge wichtig.

Die Heilige, das ist die 1864 geborene Tochter Ludwigs IV., des Fürsten von Hessen-Darmstadt und seiner Frau Alice. Die glücklichen Eltern nennen sie nach der heiligen Elisabeth von Thüringen. Man könnte sagen: nomen est omen. Gerufen wird sie kurz Ella, ihr fürstlicher Name ist etwas länger: Elisabeth Alexandra Luise Alice Prinzessin von Hessen-Darmstadt und bei Rhein. Mütterlicherseits ist sie die Enkelin der britischen Königin Viktoria. Victoria nimmt Ella nach dem frühen Tod der Mutter auch zeitweise in Obhut.
Obwohl Victoria andere Pläne mit ihr hat, setzt Ella ihre Heirat mit einem russischen Prinzen aus der Zarenfamilie der Romanows durch und hält damit das Geschichtskarussell weiter im Laufen: Ihre jüngere Schwester Alice lernt auf der Hochzeit den späteren Thronfolger des Zarenreiches Nikolaus kennen und lieben und folgt später ihrer Schwester nach Russland. Allerdings heiratet Alexandra, wie Alice in Russland heißen wird, mit der Verbindung zu Nikolaus in die nächste Generation ein. Ella wird dadurch zur Tante ihrer Schwester, die aber rangmäßig ihre Vorgesetzte wird.

So nehmen die Dinge ihren Lauf und dieser Lauf wird Ella schließlich auch für den aktuellen Präsidenten Russlands Wladimir Putin wichtig machen. Sein unmittelbarer Anknüpfungspunkt zu Ella besteht schon rein äußerlich: Putin regiert das Russ-Land gerne von jener sog. „Datscha“ aus, die sich außerhalb Moskaus in Nowo Ogarjowo befindet. Diese Regierungsdatscha besteht seit den späten Stalin-Zeiten und hat so manch historische Stunde gesehen. Putin verwendet sie als Präsidentendatscha. Diese Datscha, die man sich nicht zu bescheiden vorstellen darf, war in ihrer ursprünglichen Form der Landsitz von Ella und ihrem Ehemann Großfürst Sergej Alexandrowitsch . Auf dem weitläufigen Gelände der Datscha steht auch eine orthodoxe Kapelle, die Ella und ihrem Großfürsten als geistlicher Mittelpunkt des Landsitzes gedient hat. Die kommunistische Führung ließ diese Kapelle nicht abreißen, aber verfallen und Putin hat sie wieder renoviert. Putin bezeichnet sich selbst als religiöser Mensch, auch wenn er, wie er 2012 einmal sagt, wohl ein schlechter Christ sei. Weil, wenn man auf eine Wange geschlagen wird, müsse man auch die andere hinhalten. Aber moralisch sei er dazu noch nicht bereit: „Wenn uns auf die Wangen geschlagen wird, müssen wir antworten, sonst werden wir ewig geschlagen“

Man könnte sich vorstellen, dass diese Kapelle für Ella ein Lebensmittelpunkt gewesen sein mag, denn Religion und Glaube, sind weitgehend die einzige Gemeinsamkeit, die sie in ihrer Ehe mit ihrem Gatten Sergej Alexandrowitsch teilt. Als sie Großfürst Sergej heiratet, bleibt sie zunächst ihrem evangelischen Glauben treu. Erst später konvertiert sie aus voller Überzeugung zur russischen Orthodoxie.
Die Ehe der beiden hat aber ihre Tücken. Sergej ist bei vielen Mitgliedern der Zarenfamilie schlecht beleumdet. Seine Verhaltensweisen werden unter den Begriffen „charakterliche Schwächen“, bzw. „Laster“ subsumiert. Vermutlich ist die Ehe nie vollzogen worden, Sergej ist offensichtlich homosexuell. Es bedarf also für Ella einiges an Kraft und Mut diese Beziehung zu führen.
Und noch etwas kommt dazu:
Großfürst Sergej Alexandrowitsch ist ein Sohn von Zar Alexander II. und der Bruder Alexanders III. des vorletzten Zaren. Alexander II. fiel einem Terroranschlag zum Opfer, nachdem er zuvor etliche Attentatsversuche überlebt hatte. Dieses Ereignis wird seine Söhne und Enkel wesentlich prägen und ihre politischen Handlungen bestimmen.
Von Beruf ist Sergej Generalgouverneur von Moskau und hat damit einen nicht ganz unwichtigen Job im Land. Vielen gilt er in dieser Funktion als finsterer Reaktionär, der tatsächlich in keinster Weise etwas an der absoluten Monarchie in Frage stellen möchte. Bei den Krönungsfeierlichkeiten für Zar Nikolaus II., den Letzten, die Sergej organisiert, kommt es zu einer Massenpanik, bei der etwa 1300 Menschen zu Tode kommen. Nikolaus will daraufhin offenbar die Krönungsfeierlichkeiten abbrechen, aber man überredet ihn weiterzumachen, als wenn nichts geschehen wäre. Eine spätere Untersuchung sieht Sergej und die Polizeiführung als verantwortlich für das Unglück, das wie ein schwarzer Schatten und schlechtes Omen über der Regentschaft Nikolaus‘ II. liegt. Man verzichtet jedoch darauf, aus diesem Untersuchungsergebnis die Konsequenz zu ziehen, Sergej abzuberufen – nur keine Schwäche zeigen – und entlässt dafür den Polizeichef.
Sergej Alexandrowitsch entwickelt sich so in Moskau zu einem Symbol der Rückständigkeit der Monarchie und damit zu einem zentralen Zielpunkt des Hasses auf das System. Insofern zählt er auch zu den meistgefährdeten Persönlichkeiten des Reiches. Diese Zeit wird schließlich reich an terroristischen Umtrieben sein….
Ob Ella die politisch-gesellschaftlichen Haltungen und Handlungen ihres Mannes mitgetragen hat oder aber eher ertragen hat, ist schwer zu beantworten. Zumindest später bewegt sie sich im Umfeld des politisch konservativen, aber strukturell modernisierenden Reform-Ministerpräsidenten Stolypin und sympathisiert mit seiner Politik, gleichzeitig ist sie entschiedene Gegnerin Rasputins und seines zunehmenden Einflusses am Hof.

Trotz dieser problematischen Beziehungssituation sagt Ella einmal, sie sei glücklich und sehr geliebt. Einige Zeugen nehmen, zumindest in den Anfangsjahren, sogar eine zärtliche Liebe wahr und kirchennahe Kreise sehen in der Verbindung gar ein Musterbeispiel für eine „keusche“ Ehe, die sich wohl auf geistiger Ebene befruchte.
Während Sergej also in der Beurteilung seiner Zeitgenossen meist schlecht wegkommt, ist man über Ella bei Hof begeistert. Jelisaweta Fjodorowna, wie Ella in Russland offiziell heißt, sei in ihrer Gestalt von absoluter Reinheit und anziehendem Anmut, der Rhythmus ihrer Bewegungen und Gesten voller Eleganz. „Das Gespräch mit ihr offenbarte den charmanten, beobachtenden und freundlichen Intellekt einer Frau, ohne jede Effekthascherei“, schreibt der französische Botschafter, der nebenbei auch ihre zarten, weichen Lippen lobt. Und ein anderer: „Sie war eine liebe und charmante Frau, überaus weiblich in jeder Hinsicht.“
Dass angesichts einer scheinbar so perfekten Persönlichkeit so mancher männliche Romanow selber gerne mit ihr vor den Traualtar getreten wäre, anstatt sie diesem Sonderling Sergej zu überlassen, versteht sich von selbst.
Trotzdem darf man sich Ella nicht als widerspruchsfreie Persönlichkeit vorstellen.
Ella wird als überaus geschmackvoll beschrieben, die viel Wert auf ihr Äußeres gelegt hat. Einmal darauf angesprochen, antwortet sie, ganz aristokratisch, sie möchte nur die Taktlosigkeit der Zeit korrigieren. Sie trägt die besten Kleider und teuren Schmuck.
Trotzdem taucht sie bereits damals als Generalgouverneursgattin in die Schichten des Elends der Moskauer Gesellschaft ein. Sie besucht Suppenküchen, Kranken-, Armen- und Waisenhäuser und versucht zu helfen. Ella ist bei den „Elenden“ sehr beliebt, trotz ihres Mannes und ihrer verschlossenen Schwester, der Zarin. Das hängt vor allem mit ihrer ungekünstelten und solidarischen Art zusammen, auf Menschen zuzugehen. Fast möchte man sagen: eine „Königin der Herzen“….
Ein Metropolit beschreibt sie so: „ Sie war nicht nur dazu fähig, mit den Weinenden zu weinen, sondern sich auch mit den Fröhlichen zu freuen…. Das Gute in jedem Menschen zu finden und Mitgefühl mit den Gefallenen zu erwecken, war stets ihr Ziel.“
Ihr soziales Engagement steht allerdings durchaus in einer höchst zwiespältigen Tradition russischen aristokratischen Denkens, das einerseits nichts an den Herrschaftsverhältnissen ändern möchte, aber sich andererseits aus christlichem Glauben heraus verpflichtet sieht, etwas für Bedürftige zu tun.
Ellas Beliebtheit in allen Schichten der Bevölkerung stellt zumindest eine Zeit lang auch einen Schutz für ihren Mann dar, der, wie gesagt, eine hoch gefährdete Person ist.
Als das Paar irgendwann Kinder bekommt, Pflegekinder nämlich, erweitert sich das Bild, das man von Ella bekommt, wieder ein Stückchen. Während ihr Mann Sergej als liebevoller Pflegevater beschrieben wird, legt sie viktorianische Strenge an den Tag.

Wir schreiben mittlerweile das Zwanzigste Jahrhundert. Die Krise der russischen Monarchie ist mit den Händen greifbar. Ausdruck dieser Krise wird augenscheinlich der russisch-japanische Krieg 1904/1905. Dessen für Russland blamabler Verlauf offenbart nicht nur die Selbstüberschätzung der Führung Russland und die strukturelle Schwäche des Landes, sondern befördert auch die Unruhe in der Gesellschaft. Nur die Verhandlungskünste des russischen Chefverhandlers bei den daran anschließenden Friedensgesprächen lassen den Krieg für Russland einigermaßen günstig aussehen.
Gleichzeitig läuft eine beispiellose Terrorwelle durch das Land. Als Russland in sein erstes Revolutionsjahr 1905 einbiegt, haben bereits zwei Innenminister ihr Leben lassen müssen und ihre Nachfolger rechnen es sich schon als Erfolg an, wenn sie das Amt wieder lebend verlassen können.

Der Terror richtet sich gegen große wie auch kleinere Repräsentanten des Systems. Die Anzeichen mehren sich daher, dass auch Ellas Mann Sergej direkt im Fokus der Attentäter steht. Ellas Anwesenheit bei Großfürst Sergej lässt die Attentäter zögern. Als einmal die Pflegekinder mit in der Kutsche des Großfürsten sitzen, packt der Attentäter seine Bombe wieder ein.
Das Land ist nach dem sog. „Blutsonntag“ im Januar 1905 in Aufruhr. Sicherheitskräfte haben einen Demonstrationszug friedlicher Arbeiter beschossen, als diese dem Zaren eine Bittschrift überreichen wollen. Es gibt zahlreiche Tote. Der Zar versteht daraufhin zwar, dass es Handlungsbedarf gibt, aber noch unterschätzt er die Krise. Da setzt es bereits den nächsten Paukenschlag.
Anfang Februar verlässt Großfürst Sergej alleine die Moskauer Stadtwohnung und setzt sich in die Kutsche. Ella ist zu Hause geblieben. Als sie kurz darauf von einem mächtigen Knall aufgeschreckt wird, weiß sie sofort, was es zu bedeuten hat. Sie stürzt hinaus auf die Straße, kniet sich in den Schnee und sammelt, so wird erzählt, mit bloßen Händen die blutigen Überreste ihres Mannes zusammen.
Sergejs Kutscher stirbt ein paar Tage später.
Ella wird bei seinem Begräbnis anwesend sein.
Ella steht unter Schock.
Die nächsten Tage verbringt sie betend in einer Kirche. Dann besucht sie den Attentäter im Gefängnis, überreicht ihm eine Bibel (nach anderen Darstellungen eine Ikone) und versucht ihn zur Reue zu bewegen. Dieser behält zwar die Bibel, Ellas Bitte nach Reue sieht er aber offenbar als Anmaßung.
Ella wird später um seine Begnadigung bitten, allerdings, auch damit kommt sie nicht durch.

Die Ermordung Sergejs hat drei wesentliche Folgen: Zar Nikolaus versteht, dass er sich zu wirklich substanziellen Zugeständnissen an die Opposition (bzw. das Volk) durchringen muss, wenn ihm die Zügel nicht völlig entgleiten sollen. Während das Land zunehmend in einer Mischung aus Revolution, Anarchie und krimineller Gewalt versinkt, kündigt er mit kryptischen Worten an, eine gewählte Volksvertretung, eine Duma, einsetzen zu wollen. Diese sollte allerdings, wie sich später herausstellt, nur beratenden Charakter haben, was definitiv zu wenig sein wird.
Für Ella wird das Attentat zum Anlass, darüber nachzudenken, wie ihr weiteres Leben verlaufen soll.
Und die dritte Folge wird sich erst Jahrzehnte später manifestieren. Ein französischer Schriftsteller greift das Attentat auf, um damit in einem Theaterstück über die Gerechtigkeit eines politischen Mordes nachzudenken: Der Schriftsteller heißt Albert Camus und das Stück „die Gerechten“.

Ellas Gedankengänge führen sie zu einem für sie logischen Schluss. Sie teilt ihren gesamten Besitz auf. Ein Teil geht an die Krone, ein Teil an die Erben und den großen Rest verkauft sie. Mit dem Erlös gründet sie ein Kloster, dem sie als Nonne und Äbtissin vorstehen wird. Ella möchte ihr Leben von nun an ganz den Armen und Kranken widmen.
Die Entscheidung kommt nicht überraschend. Wie erwähnt, war ihr die Welt der Armen nicht fremd. Ella ist zudem Vorsitzende des Roten Kreuzes im Moskauer Gebiet und erweitert dabei beharrlich die Aufgabengebiete der Organisation. Als der russisch-japanische Krieg ausbricht organisiert sie Hilfe für die Soldaten und richtet im Kreml eine Verbandsfabrik ein. All dieses Engagement entsteht letztendlich auf Basis ihres Verständnisses von christlichem Glauben.

Ella möchte ein Kloster neuen Typs entwerfen. Mit Nonnen, die es als ihre Lebensaufgabe ansehen, liturgische Gewänder zu besticken, kann sie nur wenig anfangen. Also sieht sie sich nach Vorbildern im Westeuropäischen Raum um, und wird bei den evangelischen Diakonissen und einem englisch-katholischem Frauenorden fündig. Mit solchen Plänen stößt sie allerdings bei der orthodoxen Geistlichkeit auf Widerstände, die ihr eine protestantische Verwässerung der Orthodoxie vorwerfen. Nach einem längeren Klärungsprozess kann Ella schließlich ihren Konvent eröffnen. Ihr Orden soll sich der tätigen Nächstenliebe widmen und eine Mischung aus Kontemplation und Aktion darstellen, womit sie zu einer Vorläuferin moderner Spiritualität wird. Ihr Kloster trägt dementsprechend auch den Namen „Martha und Maria Kloster“ – eine Anspielung auf das Schwesternpaar aus dem Neuen Testament, die die jeweiligen Verhaltensweisen verkörpern. Die Nonnen, die in Ellas Kloster eintreten, müssen sich nicht auf Lebenszeit verpflichten und können damit nach Austritt aus dem Kloster auch heiraten.
Ella stößt damit gleichsam in eine Marktlücke. Als sie 1910 ihre Arbeit beginnt, hat sie 17 Schwestern um sich gesammelt, wenige Jahre später sind es bereits über 100 Mitschwestern. Dem Kloster angeschlossen ist u.a. ein Krankenhaus, eine Sterbeklinik, ein Waisenhaus, eine Suppenküche und, nicht zu vergessen, eine Bibliothek. Ella geht selbst in die Armenviertel und arbeitet „an der Basis“. Um es auf den Punkt zu bringen: Ella, also die Nonne Jelisaweta Fjodorowna, ist so etwas wie die Mutter Theresa Moskaus; Nein, umgekehrt: Mutter Theresa ist gleichsam die Jelisaweta Fjodorowna Kalkuttas.

Allerdings, während Ella ihre segensreiche Tätigkeit entfaltet, spitzt sich die politische Lage in Russland gefährlich zu. Ella bleibt in ihrem Kloster davon nicht unberührt.
Der Kurs des politischen Karrens Russlands ist schon so völlig verfahren, dass einige Mitglieder des Hochadels ihre letzte Chance, zumindest irgendetwas daran zu ändern, nur mehr darin sehen, dem unheilvollen Einfluss des zweifelhaften Wandermönchs Rasputin bei Hofe ein Ende zu setzen. Ella, eine ausgewiesene Gegnerin Rasputins, unternimmt schließlich einen letzten Versuch, ihre Schwester, die Zarin, von Rasputin loszueisen. Doch der Besuch der Nonne bei Alexandra endet in einem de facto Hinauswurf.
Das bedeutet schlussendlich das Todesurteil für Rasputin. Es bildet sich eine Verschwörergruppe, die die Sache nun selbst in die Hand nehmen möchte. Die beiden Spitzen der Verschwörung kommen aus dem Umfeld Ellas. Der Anführer der Verschwörung, der junge Fürst Jussupow, ist der Sohn einer bekannten und eleganten Adeligen, die durch ein Gemälde von Serow auch heute noch ein Begriff ist. Ella kennt Jussupows Mutter gut und die beiden Frauen sind sich in der Ablehnung Rasputins einig.
Offenbar hat das abgefärbt.
Jussupow engagiert nun ausgerechnet Ellas ehemaligen Pflegesohn Dimitri, der inzwischen auch bei der Zarin hoch im Kurs steht, für die Verschwörung. Dimitri denkt ähnlich wie der bi- bzw. wohl eher homosexuelle Jussupow, der mit einer der attraktivsten Prinzessinnen des Landes verheiratet ist. Mit der Aussicht diese kennenlernen zu können, locken sie Rasputin in den Palast Jussupows. Nun, da sich Jussupow eher zum Romantiker als zum Mörder eignet, wird die Ausführung der Tat für die Verschwörer zum Alptraum. Nach lange Zeit gängiger Version ist Rasputin letztendlich ertrunken, nachdem seine hilflosen Mörder den vermeintlich bereits Toten den Fluten der Newa übergeben haben. Neuere Erkenntnisse besagen jedoch, dass  bereits ein gezielter Kopfschuss zuvor den Tod herbeigeführt hat, nachdem Rasputin von seinen Mördern noch massiv malträtiert worden war.

Nachdem der Mord bekannt geworden ist, beeilt sich Ella Jussupows Mutter zu versichern, dass sie deren „lieben Sohn wegen seiner patriotischen Tat“ in ihre Gebete einschließen werde. Mit dieser Ansicht steht Ella nicht alleine da. In den beiden Haupt-Städten des Landes Moskau und St. Petersburg denkt man genauso, aber unter der Bauernschaft kristallisiert sich eine andere Sichtweise heraus.
Rasputin, der sich bewusst gewesen ist, dass sein Leben an einem seidenen Faden hängt, hat kurz vor seiner Ermordung an den Zaren einen Brief geschrieben: der Zar werde nicht mehr lange zu leben haben, schreibt da der Wandermöch, wenn er, Rasputin, durch Adelige zu Tode komme. Es ist nicht das erste mal, dass Rasputin die Situation des Landes realistisch eingeschätzt hat. Ella dagegen liegt mit ihrer Sichtweise letztendlich daneben.

Das Schicksal Russlands holt Ella auch bald darauf ein. Nach der Machtergreifung der Bolschewiki setzen diese Ella fest und einige Jahre später lösen sie auch den Konvent auf. Die Nonne Warwara (Barbara) Jakowlewa erklärt sich bereit, Ella in die Gefangenschaft zu folgen. Versuche von seiten Deutschlands Ella vorher außer Landes zu bringen, hat diese abgelehnt. Ella und Warwara werden schließlich zusammen mit männlichen Mitgliedern der Romanovs in Alapajewsk nördlich von Jekaterinburg gefangen gehalten. Nachdem sich die strategische Lage der Bolschewiki im Bürgerkrieg im Uralgebiet massiv verschlechtert hat, beschließen diese die Ermordung des in Jekaterinburg festgehaltenen Zaren, samt Frau und Kindern. Einen Tag später wird auch die Gefangenengruppe in Alapajewsk ermordet.

Dieser Mord ist noch einmal eine Geschichte für sich, als bräuchte es für die spätere Heilige eine besondere Tötungsart. Ella, Warwara und die anderen Gefangenen werden an den Rand eines stillgelegten Bergwerksschacht geführt und lebendig in die Grube gestoßen. Um sicher zu gehen, dass die Opfer auch wirklich tot sind, werfen die Mörder noch Steine, Holz und Handgranaten in die Grube. Doch die Ermordeten sind nicht tot. Ella und zumindest ein Teil der Opfer stürzen auf einen Vorsprung, auf dem sie schwerst verletzt liegen bleiben. Bauern der Umgebung, so wird es erzählt, hätten noch gehört, wie die Sterbenden Psalmen singen, wobei eine Frauenstimme besonders aufgefallen wäre… Doch die Gesänge werden langsam schwächer, bis sie schließlich ganz verstummen. Später wird man rekonstruieren, dass Ella noch versucht haben muss, ihren Leidensgenossen beizustehen.
Einige Zeit später nimmt tatsächlich die weiße Bürgerkriegspartei das Gebiet ein. Die Leichen der Getöteten werden geborgen und in Särge gelegt. Als die Weißen das Gebiet wieder an die Rote Armee verliert, nehmen sie die Särge mit und ziehen damit Richtung Osten ab. Ein Priester rettet die sterblichen Überreste Ellas und Warwaras zunächst nach Peking. Anfang der Zwanziger Jahre organisiert schließlich eine Verwandte die Überführung der beiden Särge in die russisch-orthodoxe Kirche am Ölberg in Jerusalem, so wie es sich Ella früher einmal gewünscht hat.

Damit ist die Wirkungsgeschichte der Jelisaweta Fjodorowna, genannt Ella, jedoch nicht zu Ende. Sie spielt sich von nun an in einer anderen Dimension ab. Ella wird eine Brückenfunktion bekommen, deren Möglichkeiten noch keineswegs ausgeschöpft sind.
Wenn man so will, ist Ella Deutsche, Britin und Russin. Ein Denkmal für sie steht in Moskau – P. erwähnt es in seiner Rede im Bundestag – im Garten des wiedereröffneten Klosters und eines in London. Eines der zehn Standbilder der Märtyrer des 20. Jahrhunderts, die über dem Westportal der Westminster Abbey angebracht sind, stellt Ella dar.
Ella steht aber auch für bestimmte Werte. P. drückt es in seiner Rede so aus: Im ersten Weltkrieg habe sie russische und deutsche Verwundete gepflegt.
Es sind Werte, die tatsächlich mehr sind als nur „westliche Wertegemeinschaft“.
Und Ella gerät auch in einer inner-russländischen Angelegenheit zur Brückenfigur:

Präsident Putin wird im Jahr 2000 zum Präsidenten eines Landes gewählt, das ganz unten ist: Der Staat ist pleite, das Riesenreich befindet sich in einem Desintegrationsprozess, die Gesellschaft ist aufgrund der vom Westen mit initiierten Wirtschaftsreformen weitgehend deformiert.
Trotzdem kommt Russland unter Putin wieder zurück auf die Weltbühne. Natürlich hat dies zunächst auch mit den günstigen globalen Wirtschaftsbedingungen zu tun. Aber nur das alleine als Grund anzusehen, wäre zu billig. Ganz wesentlich ist der Umstand, dass die russländische Führung die heutzutage nicht mehr selbstverständliche Fähigkeit besitzt, Probleme zu analysieren, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen und vor allem strategisch denken zu können.
Eines der Probleme, vor die man sich gestellt sieht, ist die Frage, was das Land eigentlich zusammenhält? Welcher Geist beseelt Russland? Gibt es für den riesigen Vielvölkerstaat eine gemeinsame Idee? Oder anders gesagt: wie kann man eine starke und tragfähige Identität aufbauen?
Das ist wohl für Russland die Überlebensfrage schlechthin und ob dieser Prozess des Aufbaus einer Identität funktioniert, wird sich erst in der Nach-Putin-Zeit zeigen. Insofern macht es durchaus Sinn, das Ende der Ära Putin so lange wie möglich hinauszuzögern.
Wir dürfen uns also nicht wundern, dass Querschüsse und Störfeuer aus dem Ausland wesentlich an Elementen dieses Identitätsaufbaus ansetzen. Was man im Ausland aber nicht zu bedenken scheint, ist, dass sich eine Gruppe unter Druck von außen stärker zusammenschließt und somit das Projekt zur Identitätsfindung durchaus Aussicht auf Erfolg haben könnte.
Präsident Putin sucht den Kern dieser Identität in der Geschichte des Landes.
Wie die Strategie gemeint sein könnte, kann man erahnen, als vor gar nicht so langer Zeit Putin die Gedenkstätte für Ellas ermordeten Ehemann wiedereröffnet hat. Diese Gedenkstätte, ein kleines eingezäuntes Geviert mit einem Kreuz in der Mitte an der Stelle, wo Großfürst Sergej zerrissen worden ist, entstand bald nach der Ermordung und wurde dann von den Bolschewiki wieder abgeräumt. Lenin persönlich hat sich an der Demontage beteiligt. Und Putin holt jetzt diese ausgelöschte Geschichte wiederum in das Bewusstsein zurück, um damit einen Denkanstoß zu geben:
„Wir haben nur ein Russland“, sagt Putin bei der Zeremonie. Und weiter: „Auch wenn wir Meinungsunterschiede haben, müssen wir es verteidigen und die Zukunft unseres Volkes, das Glück unserer Kinder und Enkel immer in den Vordergrund stellen.“
Ein Zurückholen von Geschichte ist allerdings insbesondere in Russland ohne ein Zurückholen von religiöser Tradition nicht möglich und so sieht Putin in der Verbindung von beidem die Basis nationaler Identität. Gemeint ist damit allerdings vor allem die russische Orthodoxie. Daneben gibt es aber in Russland noch einen selbstbewussten Islam, Buddhisten, Juden, schamanische Traditionen und natürlich auch Atheisten.
Bei dieser Einbeziehung der religiösen Erfahrung hat sich jedoch ein Problem eröffnet. Es gab nämlich nicht nur eine, sondern zwei russisch orthodoxe Kirchen, eine in Moskau und eine im Exil. Die Kirchenspaltung erfolgte nach der Machtergreifung der Bolschewiki. Ein Teil der Gottesmänner setzte sich ins Ausland ab und warf dann den Zurückgebliebenen vor, sich vom Regime korrumpieren zu lassen. Und der andere Teil verblieb im Land und warf dem Exil vor, nicht bei den Gläubigen verblieben zu sein. Beide Seiten hatten gute Argumente.
Es war dann auch die Exilkirche die Ella zuerst heiliggesprochen hat. Moskau ist erst später gefolgt.
Putin hat diese Kirchenspaltung als Störfaktor für die Ausbildung einer nationale Identität gesehen und sein ganzes Gewicht in die Waagschale geworfen, um beide Kirchen wieder zusammenzuführen. Als Dank für seine Bemühungen überreicht ihm schließlich das Oberhaupt der Exilkirche ein Bildnis Ellas, die so zum Symbol für die Zusammenführung wird. Putin hängt das Bild in der Kapelle der Präsidentendatscha auf, eine symbolische Rückkehr Ellas nicht nur auf ihren einstigen Landsitz.
2007 erfolgt schließlich die Vereinigung von Exilkirche und Moskauer Patriarchat.

Wo waren wir vorhin stehengeblieben?
Ach ja, bei der Rede P.‘s im Deutschen Bundestag.
Bald nach der Erwähnung der Heiligen geht die Rede dann auch zu Ende. P. erinnert unter Beifall nochmals an Gorbatschows Idee vom europäischen Haus und schließt seine Rede mit den Worten, dass das starke und lebendige Herz Russlands, für eine vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft geöffnet sei.
Das Protokoll vermerkt: Anhaltender Beifall, die Abgeordneten erheben sich.
Und dann steht noch im Protokoll: Schluss: 15.47 Uhr.
P. hatte also genau zur der Tageszeit seine Rede gehalten, in der der menschliche Körper gerade aus seinem ganz normalen, physiologischen Mittagstief herauskommt bzw. eigentlich herauskommen sollte. Wir wollen also glauben, dass manches, vor der Rede erwähnte, lange Gesicht auf der Regierungsbank, wohl diesem Umstand zu verdanken ist…..

Nachbemerkungen:
Heiligenviten haben es so an sich, dass sie im Nachhinein manches glänzender erscheinen lassen, als es in Wirklichkeit gewesen ist. Das mag möglicherweise auch bei der Heiligen Jelisaweta Fjodorowna, genannt Ella, so sein, der Verfasser hofft aber, diese Klippen einigermaßen günstig umschifft zu haben.
Die Zitate die Ellas Persönlichkeit beschreiben, gibt es in verschiedenen Übersetzungsvarianten, die sinngemäß aber das Selbe aussagen.

In letzter Zeit hat Ella in der öffentlichen Wahrnehmung im Westen einiges an Boden gut gemacht. Insbesondere in ihrem Heimatland Hessen genießt sie natürlich einen gewissen Stellenwert.
In diesem Jahr 2018 jährt sich am 18. (5.) Juli ihre Ermordung zum einhundertsten mal, Grund genug, ihr zu gedenken.
Z. B. läuft noch bis 25. 2. 2018 im Frankfurter Ikonenmuseum eine Ausstellung über jene vier hessischen Prinzessinnen und damit eben auch über Ella, die in die Zarenfamilie der Romanows eingeheirateten haben.
Vor etwa einem Jahr gab es in der Wiener UNO-City eine Ausstellung über das Russische Rote Kreuz und Ellas besonderen Beitrag zur Entwicklung dieser Organisation.
Ein knappes Jahr ist es auch her, dass die Deutsche Botschaft in Moskau „zum Austausch über die Rolle und Wahrnehmung der Heiligen Großfürstin heute und ihr Erbe für die Zukunft nicht nur für die religiöse Dimension der deutsch-russischen Beziehungen“ eingeladen hat. Dabei ging es auch um die Frage, was getan werden soll, damit das humanistische Vermächtnis der Großfürstin weiterlebt und vor allem junge Generationen  erreicht.

Übrigens, dieser Herr P., dieser in unseren Breiten in der medialen Öffentlichkeit nicht ganz günstig beleumdete Präsident Russlands, musste sich nach seiner Rede im Deutschen Bundestag im Jahr 2001 in seinem Heimatland die Frage stellen lassen, wieso er die Rede denn auf Deutsch gehalten habe und nicht auf Russisch.
In einem späteren Interview erklärte er das unter anderem so: er habe damit beabsichtigt, „dass unsere Partner in Europa und in Deutschland verstehen sollen, dass wir uns in einer Sprache verständigen können. Im engen und übertragenen Sinn des Wortes.“

Ella

Elisabeth von Hessen
von Hayman Seleg Mendelssohn
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Vom doppelten Klang eines Namens: Neringa

Klang Nr. 2: das Cafe

Neringa – eine poetische Bezeichnung für die Kurische Nehrung: Die schlanke Landzunge, die sich, von der Nordküste des Kaliningrader Gebiets aus durch das weite Wasser in den Norden erstreckt – wie eine dem Festland vorgelagerte Landbrücke, die bis vor die Tore der litauischen Hafenstadt Klaipeda reicht. Dieses, rund 100 Kilometer lange, schmale Land ist in der südlichen Hälfte ein Teil Russlands und in der nördlichen ein Teil Litauens, bleibt aber doch ein großes Ganzes.

Laut litauischer Sage wurde die Kurische Nehrung von einer blond bezopften Riesin namens Neringa erschaffen, die so schön und gütig wie groß war. Sie hatte viele Freier, doch keiner taugte in ihren Augen, bis schließlich doch noch der Eine kam… Auf jeden Fall galt es die Küstenbewohner vor den alles verzehrenden Sturmfluten der Ostsee zu schützen, die der Wellengott geschickt hatte. Neringa schritt zur Tat, schüttete kurzerhand vor der Küste einen Damm aus Sand auf und rettete so den Fischern (und ihrem Auserwählten) Leben, Hab und Gut. Tatmotiv war eindeutig Liebe. So inspiriert, lebt der Name Neringa in Litauen auch als weiblicher Vorname weiter.

Die Kurische Nehrung ist tatsächlich ein heikles, wie schönes Gebilde, das sich aus dem Zusammenspiel von Wind, Wasser, Sand und Pflanzenwelt geformt hat. Es reagiert sensibel auf jeden Eingriff. Der Mensch der Neuzeit brauchte fast ein halbes Jahrtausend, um mit diesem Umstand umgehen zu können.

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Vom doppelten Klang eines Namens – Klang Nr.1 : die Halbinsel

Beginnen wir so:
Schützke fragt: Wer schrieb‘ s ?
Und: welche Gegend wird denn hier beschrieben?

A) Der Schriftsteller:
„Dem Gestade der See unfern liegt das Stammschloß der Freiherrlich von R..schen Familie… Die Gegend ist rauh und öde, kaum entsprießt hin und wieder ein Grashalm dem bodenlosen Triebsande, und statt des Gartens, wie er sonst das Herrenhaus zu zieren pflegt, schließt sich an die nackten Mauern nach der Landseite hin ein dürftiger Föhrenwald, dessen ewige, düstre Trauer den bunten Schmuck des Frühlings verschmäht, und in dem statt des fröhlichen Jauchzens der zu neuer Lust erwachten Vögelein nur das schaurige Gekrächze der Raben, das schwirrende Kreischen der sturmverkündenden Möwen widerhallt. Eine Viertelstunde davon ändert sich plötzlich die Natur. Wie durch einen Zauberschlag ist man in blühende Felder, üppige Äcker und Wiesen versetzt. Man erblickt das große, reiche Dorf mit dem geräumigen Wohnhause des Wirtschaftsinspektors. An der Spitze eines freundlichen Erlenbusches sind die Fundamente eines großen Schlosses sichtbar, das einer der vormaligen Besitzer aufzubauen im Sinne hatte. Die Nachfolger … ließen den Bau liegen, und auch der Freiherr Roderich von R., der wiederum seinen Wohnsitz auf dem Stammgute nahm, mochte nicht weiter bauen, da seinem finstern, menschenscheuen Wesen der Aufenthalt in dem alten, einsam liegenden Schlosse zusagte.

B) Ein Brief des Naturforscher:
„Das charakteristischste dieser Unnatur, was ich gesehen, ist diese Halbinsel, auf der wir 4 -5 Tage gelebt… Wenn Schinkel dort einige Backsteine zusammenkleben liesse, wenn ein Montagsclub, ein Cirkel von kunstliebenden Judendemoiselles und eine Akademie auf jenen mit Gestrüppe bewachsenen Sandsteppen eingerichtet würde, so fehlte nichts, um ein neues Berlin zu bilden, ja, ich würde die neue Schöpfung vorziehen, denn die Sonne habe ich herrlich auf der Halbinsel sich in das Meer tauchen sehen. Dazu spricht man dort, wie du weisst, rein Sanscrito…“

C) Der Reiseschriftsteller
„ „… Als Pfarrer Schwarz 1782 in den Ort kam, befanden sich daselbst noch 15 Feuerstellen (ungefähr eben so viele als 50 Jahre vorher.) Auch die im Jahre 1738 erbaute Kirche stand noch (Anm. M. Schü.: das Gebiet war evangelisch). Es muß eben das Verderben schnell hereingebrochen sein. Am 3. Apri l 1786 schreibt Pfarrer Schwarz an den Erzpriester Leppach:
„Ew. Hochehrwürden muß ich den verderbten Zustand der hiesigen Kirche gehorsamst hinterbringen. Die Anlage zu ihrem gegenwärtigen Untergange ist schon längst vor meiner Zeit durch die aus Abend und Norden stürmenden Winde…gemacht worden. Daher hat man sich auch damals genöthigt gesehen, die Mittagseite derselben mit Stützen zur Sicherheit und Widerstande des aus Norden und Westen andringenden Verderbens zu unterstützen. Zu meiner Zeit ist diese alte gestützte Kirche durch den immer mehr und mehr überhand genommenen Sand dergestalt angegriffen worden, daß sie zu ihrem völligen Ruin hat hinzueilen müssen. Ew. Hochehrwürden wissen, …daß sich die ganze Abendseite so weit herunter senken mußte, als ihr der Sand es erlaubte… So verloren wir doch das Licht, das von dieser Seite in die Kirche fiel… Durch die häufige, zu mancher Zeit viele Tage nach einander, anhaltende, starke Stürme aus Nordosten, (ist) die Vermehrung des Sandes so befördert worden, daß nunmehr nicht allein die Abendseite, sondern auch die Nordseite bis oben an das Dach damit angefüllt sind, wodurch uns abermal ein ganzes Licht von dieser Seite genommen ist. Und da das Glockenthürmchen, wodurch der Eingang in die Kirche geschehen muß, auf derselben nördlichen Seite sich befindet…so haben beide, sowohl das Thürmchen als auch die Thür zum Eingange in die Kirche, gleiches Schicksal gehabt. Der Sand hat sich darinnen dicht und hoch an die Eingangsthür hart gelagert. Dadurch ist uns der Eingang in die Kirche recht schwer gemacht worden. Denn wir müssen nicht allein krumm und gebückt unter dem Glockenthurm beinahe wegkriechen und uns in die Kirche hineinwinden, sondern wir stehen denn alsdann auch in empfindsamer Besorgniß, den Untergang der Kirche auf unsere Häupter zu fühlen… Es wird nun zwar alle Mühe von den Kirchspielsleuten angewandt, …den plötzlichen Einsturz nach Möglichkeit zu steuern. Aber …was heute gebessert ist, ist morgen schon unverbesserlich. Bei dieser Kirche ist alle Mühe und Arbeit umsonst und verloren…. Ihr Ende ist da. Ach daß sie nur nicht ihr Ende zu unserm Schrecken und mit unserm Schaden nehmen möchte.“
Infolge dieses Berichtes und des vom Erzpriester Leppach vom 21. April 1786 wurde der Landbaumeister Braun beauftragt, die Sicherung des noch brauchbaren Holzes von der alten Kirche zu veranstalten, auch einen schicklichen Ort zu einer neuen Kirche auszusuchen…
Schon am 3. Juni berichtet aber Leppach, daß der Pfarrer Schwarz, „der seit einem halben Jahr über eine starke Entkräftung und Engbrüstigkeit geklagt, nachdem er noch Dom. Exaudi gepredigt hat, den 31. Maji in einem Alter von 53 Jahren und nach einer beinahe vierjährigen treuen Amtsführung das zeitliche mit dem ewigen verwechselt hat.“
Er war offenbar dem scharfen Klima erlegen. Von ihm heißt es in einer privaten Aufzeichnung: „starb 1786 und ist in einem großen Sandberge begraben.“
Der Dünenwall rückte immer näher an das Dorf heran…. “ “

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Die Muttergottes und der Osten

Die Verehrung der  Muttergottes Maria spielt in Mittel- und Osteuropa eine wichtige Rolle im Selbstverständnis der jeweiligen Völker. Gleichwohl hat diese Gemeinsamkeit der Verehrung in der Vergangenheit nicht dazu geführt, dass sich – wie man annehmen könnte – die Beziehungen der Völker zueinander gebessert haben. Eher das Gegenteil.     Es ist also kein Zufall, wenn dieser Beitrag an die vorangegangene Serie über die Europastraße 30 anknüpft, die wir „Brücken und Gräben“ genannt haben und in dessen 3. Teil die Muttergottes unerwähnter Weise eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat.

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C wie Chelm

Die Einwohner von Chelm sind in zwei Lager gespalten: Leidenschaftlich streiten sie über die Frage, ob die Sonne oder der Mond wichtiger für die Welt ist. Nachdem die Querelen kein Ende nehmen, treten die Weisen der Stadt zusammen, um den Streit zu schlichten. Nach eingehender Überlegung verkünden sie einen Schiedsspruch, der alle überzeugt:„Klarerweise ist der Mond für die Welt wichtiger. Denn er scheint in der Nacht, wenn wir ohne sein Licht nichts sehen könnten. Aber die Sonne scheint am Tag, wo wir sie gar nicht brauchen, weil es ohnehin hell ist.“

Diese kleine humoristische Geschichte eignet sich gut dazu, etwas über die Durchdringung wie auch die Abstoßung der in Mittel-Osteuropa lebenden Kulturen in Erfahrung zu bringen. Nicht ganz zufällig erinnert die Erzählung an die uns vertrauten Schildbürger und an ähnliche, einfältige Genossen in zahlreichen anderen Ländern Europas wie z.B. die Bewohner von Gotham in der britischen Folklore. Die Variante der Weisen von Chelm entstammt allerdings aus einer untergegangenen Kultur, nämlich der jüdischen, bzw. der jiddischen Sprachkultur in Mittel- und Osteuropa. Sie lebt aber als fester Bestandteil im jüdischen Erinnerungsraum weiter. Gewissermaßen lässt sich also sagen, dass das einzig wirklich Völkerverbindende die Dummheit ist. Allerdings ist sie auch das, was die Völker voneinander trennt.

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