Der Gast im Bundestag und seine Heilige (= Deutschland und Russland 2)

Im Deutschen Bundestag zu Gast gewesen ist einst Herr P.
Herr P. stammt aus L. und lebt in M..
Von Beruf ist Herr P. Zar.
Jeden Morgen wacht Herr P. auf, krault seine Hunde, springt kopfüber ins Swimmingpool, frühstückt weiche Eier und trinkt Russischen Tee.
Das klingt irgendwie bereits verdächtig:
Was macht er? Er verspeist Weicheier und säuft Russischen Tee? Mit Milch übrigens.
Dann geht P. in sein Zarenbüro im Kreml.
Sein Arbeitstag beginnt immer mit dem Hacken von e-mail-Accounts.
Folgend manipuliert er Wahlen im In- und Ausland und anschließend schickt er seine Soldaten in fremde Länder, in denen die nichts zu suchen haben.
Eine spannende Tätigkeit also.
Allein in ein Land, das namentlich ungenannt bleiben möchte, marschierte seine Armee – so wird zumindest kolportiert – binnen Jahresfrist mehr als 30 mal ein. Wie so was geht? Ja, keine Ahnung.
Aber, wie gesagt, nichts genaues weiß man nicht.

Wenn Herr P. nicht gerade den oben beschrieben Tätigkeiten nachgeht, hält er Reden. Verfolgt man P.s Auftritte in der Öffentlichkeit seines Landes, fällt auf, dass die Stimmung unter seinen Zuhörern oft richtig gut ist.
Seine Gegner werden halt erst gar nicht hingehen.

Eine dieser Reden hielt P. als noch sehr junger Zar gar – eigentlich unvorstellbar – im Gral (na ja) deutscher Politik: im Deutschen Bundestag.
Sieht man sich heutzutage diesen Auftritt vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen internationaler Politik nochmals an, fühlt man sich in eine Art Satireveranstaltung hineinversetzt.
Werfen wir also noch einmal kurz einen Blick auf dieses historische Ereignis:
Was sagte P., der die längste Zeit der Rede auf Deutsch sprach, und bei welchen Stellen applaudierten die zuhörenden Damen und Herren Abgeordneten.
Übrigens waren das deutsche Abgeordnete. P. hatte nicht etwa seine eigenen…
Im Verlauf dieser Rede P.s stoßen wir dann auch auf diese Heilige, die im Titel erwähnt ist. „Der Gast im Bundestag und seine Heilige (= Deutschland und Russland 2)“ weiterlesen

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Vom doppelten Klang eines Namens: Neringa

Klang Nr. 2: das Cafe

Neringa – eine poetische Bezeichnung für die Kurische Nehrung: Die schlanke Landzunge, die sich, von der Nordküste des Kaliningrader Gebiets aus durch das weite Wasser in den Norden erstreckt – wie eine dem Festland vorgelagerte Sandbrücke, die bis vor die Tore der litauischen Hafenstadt Klaipeda reicht. Dieses, rund 100 Kilometer lange, schmale Land ist in der südlichen Hälfte ein Teil Russlands und in der nördlichen ein Teil Litauens, bleibt aber doch ein großes Ganzes.

Laut litauischer Sage wurde die Kurische Nehrung von einer blond bezopften Riesin namens Neringa erschaffen, die so schön und gütig wie groß war. Sie hatte viele Freier, doch keiner taugte in ihren Augen, bis schließlich doch noch der Eine kam… Auf jeden Fall galt es die Küstenbewohner vor den alles verzehrenden Sturmfluten der Ostsee zu schützen, die der Wellengott geschickt hatte. Neringa schritt zur Tat, schüttete kurzerhand vor der Küste einen Damm aus Sand auf und rettete so den Fischern (und ihrem Auserwählten) Leben, Hab und Gut. Tatmotiv war eindeutig Liebe. So inspiriert, lebt der Name Neringa in Litauen auch als weiblicher Vorname weiter.

Die Kurische Nehrung ist tatsächlich ein heikles, wie schönes Gebilde, das sich aus dem Zusammenspiel von Wind, Wasser, Sand und Pflanzenwelt geformt hat. Es reagiert sensibel auf jeden Eingriff. Der Mensch der Neuzeit brauchte fast ein halbes Jahrtausend, um mit diesem Umstand umgehen zu können.

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Vom doppelten Klang eines Namens – Klang Nr.1 : die Halbinsel

Beginnen wir so:
Schützke fragt: Wer schrieb‘ s ?
Und: welche Gegend wird denn hier beschrieben?

A) Der Schriftsteller:
„Dem Gestade der See unfern liegt das Stammschloß der Freiherrlich von R..schen Familie… Die Gegend ist rauh und öde, kaum entsprießt hin und wieder ein Grashalm dem bodenlosen Triebsande, und statt des Gartens, wie er sonst das Herrenhaus zu zieren pflegt, schließt sich an die nackten Mauern nach der Landseite hin ein dürftiger Föhrenwald, dessen ewige, düstre Trauer den bunten Schmuck des Frühlings verschmäht, und in dem statt des fröhlichen Jauchzens der zu neuer Lust erwachten Vögelein nur das schaurige Gekrächze der Raben, das schwirrende Kreischen der sturmverkündenden Möwen widerhallt. Eine Viertelstunde davon ändert sich plötzlich die Natur. Wie durch einen Zauberschlag ist man in blühende Felder, üppige Äcker und Wiesen versetzt. Man erblickt das große, reiche Dorf mit dem geräumigen Wohnhause des Wirtschaftsinspektors. An der Spitze eines freundlichen Erlenbusches sind die Fundamente eines großen Schlosses sichtbar, das einer der vormaligen Besitzer aufzubauen im Sinne hatte. Die Nachfolger … ließen den Bau liegen, und auch der Freiherr Roderich von R., der wiederum seinen Wohnsitz auf dem Stammgute nahm, mochte nicht weiter bauen, da seinem finstern, menschenscheuen Wesen der Aufenthalt in dem alten, einsam liegenden Schlosse zusagte.

B) Ein Brief des Naturforscher:
„Das charakteristischste dieser Unnatur, was ich gesehen, ist diese Halbinsel, auf der wir 4 -5 Tage gelebt… Wenn Schinkel dort einige Backsteine zusammenkleben liesse, wenn ein Montagsclub, ein Cirkel von kunstliebenden Judendemoiselles und eine Akademie auf jenen mit Gestrüppe bewachsenen Sandsteppen eingerichtet würde, so fehlte nichts, um ein neues Berlin zu bilden, ja, ich würde die neue Schöpfung vorziehen, denn die Sonne habe ich herrlich auf der Halbinsel sich in das Meer tauchen sehen. Dazu spricht man dort, wie du weisst, rein Sanscrito…“

C) Der Reiseschriftsteller
„ „… Als Pfarrer Schwarz 1782 in den Ort kam, befanden sich daselbst noch 15 Feuerstellen (ungefähr eben so viele als 50 Jahre vorher.) Auch die im Jahre 1738 erbaute Kirche stand noch (Anm. M. Schü.: das Gebiet war evangelisch). Es muß eben das Verderben schnell hereingebrochen sein. Am 3. Apri l 1786 schreibt Pfarrer Schwarz an den Erzpriester Leppach:
„Ew. Hochehrwürden muß ich den verderbten Zustand der hiesigen Kirche gehorsamst hinterbringen. Die Anlage zu ihrem gegenwärtigen Untergange ist schon längst vor meiner Zeit durch die aus Abend und Norden stürmenden Winde…gemacht worden. Daher hat man sich auch damals genöthigt gesehen, die Mittagseite derselben mit Stützen zur Sicherheit und Widerstande des aus Norden und Westen andringenden Verderbens zu unterstützen. Zu meiner Zeit ist diese alte gestützte Kirche durch den immer mehr und mehr überhand genommenen Sand dergestalt angegriffen worden, daß sie zu ihrem völligen Ruin hat hinzueilen müssen. Ew. Hochehrwürden wissen, …daß sich die ganze Abendseite so weit herunter senken mußte, als ihr der Sand es erlaubte… So verloren wir doch das Licht, das von dieser Seite in die Kirche fiel… Durch die häufige, zu mancher Zeit viele Tage nach einander, anhaltende, starke Stürme aus Nordosten, (ist) die Vermehrung des Sandes so befördert worden, daß nunmehr nicht allein die Abendseite, sondern auch die Nordseite bis oben an das Dach damit angefüllt sind, wodurch uns abermal ein ganzes Licht von dieser Seite genommen ist. Und da das Glockenthürmchen, wodurch der Eingang in die Kirche geschehen muß, auf derselben nördlichen Seite sich befindet…so haben beide, sowohl das Thürmchen als auch die Thür zum Eingange in die Kirche, gleiches Schicksal gehabt. Der Sand hat sich darinnen dicht und hoch an die Eingangsthür hart gelagert. Dadurch ist uns der Eingang in die Kirche recht schwer gemacht worden. Denn wir müssen nicht allein krumm und gebückt unter dem Glockenthurm beinahe wegkriechen und uns in die Kirche hineinwinden, sondern wir stehen denn alsdann auch in empfindsamer Besorgniß, den Untergang der Kirche auf unsere Häupter zu fühlen… Es wird nun zwar alle Mühe von den Kirchspielsleuten angewandt, …den plötzlichen Einsturz nach Möglichkeit zu steuern. Aber …was heute gebessert ist, ist morgen schon unverbesserlich. Bei dieser Kirche ist alle Mühe und Arbeit umsonst und verloren…. Ihr Ende ist da. Ach daß sie nur nicht ihr Ende zu unserm Schrecken und mit unserm Schaden nehmen möchte.“
Infolge dieses Berichtes und des vom Erzpriester Leppach vom 21. April 1786 wurde der Landbaumeister Braun beauftragt, die Sicherung des noch brauchbaren Holzes von der alten Kirche zu veranstalten, auch einen schicklichen Ort zu einer neuen Kirche auszusuchen…
Schon am 3. Juni berichtet aber Leppach, daß der Pfarrer Schwarz, „der seit einem halben Jahr über eine starke Entkräftung und Engbrüstigkeit geklagt, nachdem er noch Dom. Exaudi gepredigt hat, den 31. Maji in einem Alter von 53 Jahren und nach einer beinahe vierjährigen treuen Amtsführung das zeitliche mit dem ewigen verwechselt hat.“
Er war offenbar dem scharfen Klima erlegen. Von ihm heißt es in einer privaten Aufzeichnung: „starb 1786 und ist in einem großen Sandberge begraben.“
Der Dünenwall rückte immer näher an das Dorf heran…. “ “

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Die Muttergottes und der Osten

Die Verehrung der  Muttergottes Maria spielt in Mittel- und Osteuropa eine wichtige Rolle im Selbstverständnis der jeweiligen Völker. Gleichwohl hat diese Gemeinsamkeit der Verehrung in der Vergangenheit nicht dazu geführt, dass sich – wie man annehmen könnte – die Beziehungen der Völker zueinander gebessert haben. Eher das Gegenteil.     Es ist also kein Zufall, wenn dieser Beitrag an die vorangegangene Serie über die Europastraße 30 anknüpft, die wir „Brücken und Gräben“ genannt haben und in dessen 3. Teil die Muttergottes unerwähnter Weise eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat.

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Chelm

Die Einwohner von Chelm sind in zwei Lager gespalten: Leidenschaftlich streiten sie über die Frage, ob die Sonne oder der Mond wichtiger für die Welt ist. Nachdem die Querelen kein Ende nehmen, treten die Weisen der Stadt zusammen, um den Streit zu schlichten. Nach eingehender Überlegung verkünden sie einen Schiedsspruch, der alle überzeugt:„Klarerweise ist der Mond für die Welt wichtiger. Denn er scheint in der Nacht, wenn wir ohne sein Licht nichts sehen könnten. Aber die Sonne scheint am Tag, wo wir sie gar nicht brauchen, weil es ohnehin hell ist.“

Diese kleine humoristische Geschichte eignet sich gut dazu, etwas über die Durchdringung wie auch die Abstoßung der in Mittel-Osteuropa lebenden Kulturen in Erfahrung zu bringen. Nicht ganz zufällig erinnert die Erzählung an die uns vertrauten Schildbürger und an ähnliche, einfältige Genossen in zahlreichen anderen Ländern Europas wie z.B. die Bewohner von Gotham in der britischen Folklore. Die Variante der Weisen von Chelm entstammt allerdings aus einer untergegangenen Kultur, nämlich der jüdischen, bzw. der jiddischen Sprachkultur in Mittel- und Osteuropa. Sie lebt aber als fester Bestandteil im jüdischen Erinnerungsraum weiter. Gewissermaßen lässt sich also sagen, dass das einzig wirklich Völkerverbindende die Dummheit ist. Allerdings ist sie auch das, was die Völker voneinander trennt.

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