Brücken und Gräben Teil 1

Beide Begriffe – Brücken wie Gräben – sind symbolisch zu verstehen: Brücken meinen Menschen, Institutionen und Geschehnisse etc., die Ost und West miteinander verbinden, Gräben dagegen jene Größen, die den Kontinent Europa entzweien.

Wir werden unregelmäßig entsprechende Beispiele vorstellen. Manchmal können Brücken zugleich auch Gräben sein und aus Gräben Brücken werden. Zu Beginn besehen wir dazu ein allzu profanes Beispiel, das es aber in sich hat: Die E30 .

E30 ist kein Lebensmittelzusatzstoff aus gemahlenen polnischen Waldläusen, sondern ein wirklich den Kontinent verbindendes Projekt, das aber in seiner Vorgeschichte öfters dazu benutzt wurde, um zu trennen: die europäische Fernstraße oder offiziell: die Europastraße 30.

Der Kontinent wird von einer Vielzahl von internationalen Straßenverbindungen durchzogen, die die Staaten Europas von Nord nach Süd und von Ost nach West miteinander verbinden. Manche verlaufen nur durch zwei oder drei Länder, andere queren tatsächlich den ganzen Kontinent. An größeren Straßenbeschilderungen auf solchen Routen kann man dazu ein kleines grünes Rechteck mit der entsprechenden E-Kennzeichnung erkennen.

Eine der interessantesten Verbindungen dieser Art ist die durch sieben Staaten verlaufende E30, die sich von Cork im südlichen Irland bis nach Moskau und dann in ihrer Verlängerung bis ins sibirische Omsk zieht. Von dort führen weitere Trassen nach Wladiwostok, sodass die E30 Teil einer interkontinentalen, europäisch-asiatischen Straßenverbindung mit einer Länge von über 12.000 km ist.

Auf und entlang der E30, bzw. ihrer Vorläufertrasse in Mittel- und Osteuropa spielen einige der zentralsten Bestandteile europäischer Geschichte. Vor allem auf diese Teile werden wir hier einen Blick werfen.

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Deutschland und Russland 1

In der Einleitung dieses Blogs hieß es, es gehe um die sieben Länder im Bereich von Polen bis Russland. Doch in Wirklichkeit gibt es noch ein achtes Land, das in diesem Teil Europas eine Rolle spielte und in gewisser Weise noch immer spielt und das ist Deutschland (und die österreichische Monarchie hatte in der Vergangenheit auch noch ein Wörtchen mitzureden). Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war das Deutsche Reich über seine ostpreußischen Gebiete Teil der Region und auf bestimmte Art ist Deutschland bis heute ein Faktor in Mittel- und Osteuropa geblieben. Darüber hinaus gab es zahlreiche Siedlungsgebiete im Osten, in denen sich deutsche Siedler niederließen.

Die aktuelle Rolle Deutschlands im Osten hängt einerseits mit seiner starken Stellung in Europa zusammen, andererseits mit dem Verhältnis bzw. dem besonderen Kräftefeld, das sich zwischen Deutschland und Russland entfaltet. Bekanntlich reagieren die Staaten, die in diesem Kräftefeld liegen, ziemlich sensibel auf die Strömungen in diesem Verhältnis. Eigentlich wäre man in Deutschland der Ansicht, dass es Europa immer dann gut geht, wenn das Verhältnis Deutschlands zu Russland in Ordnung ist. In Polen und anderen Ländern des Raumes dazwischen sieht man das aber mitunter umgekehrt. Da stellen gute deutsch-russische Beziehungen eher eine Gefahr dar. Diese Interpretation leitet sich nicht zuletzt aus dem Hitler-Stalin Pakt her, der eine Aufteilung der zwischen den beiden Mächten liegenden Gebiete in Interessensphären mit sich brachte und offenkundig den Zwischenländern nicht gut getan hat. Doch den Hitler-Stalin Pakt als Teil guter deutsch-sowjetischer (bzw.russischer) Beziehungen zu sehen, ist ziemlich verwegen.

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Chelm

Die Einwohner von Chelm sind in zwei Lager gespalten: Leidenschaftlich streiten sie über die Frage, ob die Sonne oder der Mond wichtiger für die Welt ist. Nachdem die Querelen kein Ende nehmen, treten die Weisen der Stadt zusammen, um den Streit zu schlichten. Nach eingehender Überlegung verkünden sie einen Schiedsspruch, der alle überzeugt:„Klarerweise ist der Mond für die Welt wichtiger. Denn er scheint in der Nacht, wenn wir ohne sein Licht nichts sehen könnten. Aber die Sonne scheint am Tag, wo wir sie gar nicht brauchen, weil es ohnehin hell ist.“

Diese kleine humoristische Geschichte eignet sich gut dazu, etwas über die Durchdringung wie auch die Abstoßung der in Mittel-Osteuropa lebenden Kulturen in Erfahrung zu bringen. Nicht ganz zufällig erinnert die Erzählung an die uns vertrauten Schildbürger und an ähnliche, einfältige Genossen in zahlreichen anderen Ländern Europas wie z.B. die Bewohner von Gotham in der britischen Folklore. Die Variante der Weisen von Chelm entstammt allerdings aus einer untergegangenen Kultur, nämlich der jüdischen, bzw. der jiddischen Sprachkultur in Mittel- und Osteuropa. Sie lebt aber als fester Bestandteil im jüdischen Erinnerungsraum weiter. Gewissermaßen lässt sich also sagen, dass das einzig wirklich Völkerverbindende die Dummheit ist. Allerdings ist sie auch das, was die Völker voneinander trennt.

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Blut (und Erde…)

Vermutlich ist nirgends in Europa die Erde derart mit Blut getränkt, wie in diesen hier von uns ins Visier genommenen Gegenden. Das hat zunächst mit den rauen Sitten zu tun, die in grauer Vorzeit geherrscht haben, dann aber vor allem mit unverhohlenem Machtstreben diverser Akteure und manchmal damit verbunden, auch mit Paranoia, die in diesen Landstrichen gewütet hat. Nicht zuletzt treffen in diesem Gebiet, ähnlich tektonischen Platten, zwei geopolitische Platten aufeinander, die sich aneinander reiben und entsprechende Beben verursachen.

Bei einem Schnelldurchlauf durch die Geschichte des Blutvergießens im östlichen Europa sieht man litauische Krieger, die wie ein schweres Gewitter über die benachbarten russischen Fürstentümer hinweg fegen, um ihren Vasallenstatus abzuschütteln, den Deutschen Ritterorden, der diese Landschaften als Nahrung für seinen Machthunger benutzt, den Mongolensturm, der die russischen Fürstentümer weit über zwei Jahrhunderte lähmt, Polen, Litauer, Russen und Schweden, die um die Vorherrschaft in Osteuropa und im baltischen Raum kämpfen, die Schlachten des I. und II. Weltkrieges, den Holocaust, sowie, nicht zu vergessen, die stalinistische Verfolgung und all das ist klarerweise keine erschöpfende Aufzählung.

Erwähnt werden muss hier auf jeden Fall noch ein Schlüsselereignis Mitte des 17. Jahrhunderts, mit dem ein allmählicher Vorzeichenwechsel in der mittel- und osteuropäischen Geschichte einhergeht: Der Kosakenaufstand in der Ukraine unter Bogdan Chmelnizkij gegen die polnische Vorherrschaft, der in eine Verfolgung aller jener mündete, die die polnische Unterdrückung repräsentierten. Das betraf polnische Adelige, katholische Priester und vor allem Juden, die in einem breiten Volksaufstand hinweg geschlachtet wurden. Man spricht deshalb manchmal auch von einem ersten Holocaust. Dieses Ereignis hat das Judentum tiefgehend erschüttert und geprägt und Spuren dieses Albtraumes lassen sich gewissermaßen bis heute nach verfolgen.

Wir werden uns im Laufe der Zeit nolens volens mit Details dieser blutgetränkten Erdschichten befassen, damit man sich aber richtig was drunter vorstellen kann, hier schon einmal zwei kurze Episoden:

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Mittel- und Osteuropa

In diesem Blog geht es um Mittel- und Osteuropa, um Geschichte, Kultur, und Menschen mit ihren Erfahrungen in diesem Teil Europas.

Aus der Sicht der deutschsprachigen Länder sind das Zielgebiet dieses Blogs einige davon östlich gelegenen Teile Europas.Allerdings haben französische Geographen den Mittelpunkt Europas nördlich der litauischen Hauptstadt Vilnius ausgemacht. Das, was wir früher als Osteuropa bezeichnet haben, ist geographisch gesehen Mittel- und Osteuropa, das heißt, dass das eigentliche Osteuropa mehr oder weniger nur von Russland abgedeckt wird.

Historisch gesehen ist der Osten Europas aber größer, bzw. uneindeutiger und wird von einem gemeinsamen Geschichtsfeld bestimmt. Konkret geht es hier um die sieben Länder Polen, Ukraine, Weißrussland, Litauen, Lettland, Estland sowie Russland.

Dieser Osten ist ein Fundgebiet sondergleichen, hier stoßen wir auf Schätze und Ausprägungen von Geschichte, Kultur und Erfahrungen, die uns nur oberflächlich bekannt geworden sind und die aufgrund des Verlaufs der Zeiten drohen, tatsächlich unentdeckt zu bleiben oder verloren zu gehen.

Dieser Osten, eigentlich Mittel- und Osteuropa, ist wegen seiner gemeinsamen Geschichte ein in sich zutiefst gespaltenes Gebiet. Eine Region Europas, die stark vom Verlust geprägt ist, vom Blut, mit dem die Erde getränkt ist und von einer oftmals nicht eingestandenen Trauer darüber. Diese verdrängte Trauer und das Gefühl Opfer zu sein, bestimmen letztendlich heutzutage in einem nicht geringem Maße die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit. Dabei wäre das Eingestehen dieser Trauer und die Fähigkeit gemeinsam über die Verluste zu trauern, das, was diese Länder insgesamt tatsächlich voranbringen könnte.

Spätestens seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind die angesprochenen sieben Länder auf der Suche nach neuen Identitäten. Vielfach geht diese Identitätsfindung allerdings in eine falsche Richtung. Die Folgen sind mitunter dramatisch und könnten sich noch dramatischer entwickeln. Die Zukunft des Kontinents Europa, bzw. die Frage, ob der Kontinent Europa eine Zukunft hat, wird unmittelbar mit den Ergebnissen dieser Identitätsfindung zusammenhängen.

Das, was diesen sog. Osten historisch gesehen so anziehend macht, ist, dass sich hier verschiedene Kulturen und Interessen durchdringen, aufeinander stoßen und aneinander reiben. Religionen spielen dabei eine zentrale Rolle. Man lebte und lebt miteinander, nebeneinander und gegeneinander und das macht die Geschichte dieser Region so reichhaltig, aber auch so extrem.

In einer Stadt in diesem Mittel- und Osteuropa gibt es dazu ein spezielles Symbol: Im Laufe des 19. Jahrhunderts baute die zaristische Obrigkeit eine neue Stadtachse, einen breiten Boulevard, der in West-Ostrichtung geführt wurde. Normalerweise wurde am östlichen Ende solcher Achsen eine kathedralenartige orthodoxe Kirche errichtet – ex oriente lux –, auf die die Straße zulief. In diesem Fall stand aber bereits eine Kathedrale am östlichen Ende der Stadtachse und die war katholisch. Daher baute man schlussendlich die orthodoxe Kirche an das westliche Ende des Boulevards. So steht heute die Westkirche im Osten und die Ostkirche im Westen der Achse.